Biennale: So war die „Endlich“-Premiere

von Redaktion

„Endlich“ arbeitet gegen die Gewohnheit schneller Sichtbarkeit – und gegen soziale Unsichtbarkeiten. Nach der gleißenden Sonntagnachmittagssonne gewöhnen sich die Augen nur langsam an die mystisch abgedunkelte, in A-cappella-Gesang getauchte Freiheitshalle. Zuerst schälen sich drei übergroße Figuren aus dem diffusen Licht, zeitlos archaisch, als stünden sie schon immer dort. Als später auch stimmgewaltig hörbare Schicksalsgöttinnen halten Constanze Jader, Lana Maletić und Jens Ginge die Fäden der Menschen in der Hand – deren Körper sich mit zunehmender Gewöhnung der Augen aus dem Halbdunkel lösen: nackte und alte Körper, ohne Effekt und ohne Tabu.

„Endlich“ erzählt von Endlichkeit – auch im Sinne von: endlich sichtbar. Und das funktioniert durch die wundervollen Darsteller, die sich exponieren, ohne je ausgestellt zu werden. Und es funktioniert, weil Franziska Angerers Stückfassung nicht nur starke Bilder kreiert, sondern auch ein kluges Spielkonzept verfolgt: Von den drei Schicksalsgöttinnen gehen Lastenbänder ab, die mit schweren Lehmklumpen an der Decke verbunden sind. Bedrohliche Gebilde, die damoklesschwertartig über allem hängen – auch über dem um den Bühnenboden gewundenen Publikumsraum. Nach und nach werden die Verbindungen gekappt, stürzt das Schicksal mit den Klumpen klatschend auf den Boden, auf die Erde, auf uns Menschen. Jeder Aufprall gliedert das Stück neu, leitet Szenen ein, verändert die Energie im Raum. Das ist dramaturgisch einfach sehr geschickt gebaut – weil es nicht bloß Effekt bleibt, sondern als gewichtige Gefahr performativ wirksam wird. Und weil der Lehm in dieser Inszenierung mehr ist als Symbol, indem er materielle Requisite wird: Die Performerinnen formen daraus Objekte, verschmieren ihn auf Haut, tragen ihn durch den Raum, erden sich.

Wie sie den Lehm formen, so modelliert Asia Ahmetjanovas Musik die Atmosphäre dieses besonderen Abends – gespielt vom großartigen Ensemble Mosaik unter der Leitung von Leonard Weiss: Archaisch, schwebend und zugleich präzise in ihrer Wirkung wie das diffuse Licht, macht sie das Unsichtbare hörbar. Sie liegt nicht über der Szene, sondern scheint aus ihr herauszuwachsen, in sie einzudringen. Hier arbeiten Regie und Komposition tatsächlich zusammen: nicht Musik und Theater – sondern eben Musiktheater, das die bisherigen Biennale-Produktionen überragt, wie die drei Schicksalsgöttinnen uns Menschen. Seltsamerweise bedeutet „Endlich“ hier nicht nur Endlichkeit, sondern auch: Zeitlosigkeit.ANNA SCHÜRMER

Artikel 6 von 11