Seelenschmerz? Ab in die Nervenklinik! So lässt sich dieses Konzert in der Isarphilharmonie zusammenfassen. Zunächst Rachmaninows drittes Klavierkonzert: eine Klangwelt, in der Schwermut mit orchestraler Breitseite üppig ausgeschlachtet wird. Dann treibt Berlioz in seiner „Symphonie fantastique“, obwohl fast 80 Jahre älter, alles Romantische endgültig ins Delirium.
Mao Fujita begegnet dem berüchtigten Solopart bei Rachmaninow aus dem Augenblick heraus: tief in die Tastatur gegraben, dicht im Klang, eher körperhaft als kantabel. Nicht ohne gestische Theatralik greift der junge Japaner das Werk hinreißend intensiv an und wagt auch Rotzbübisches. Das reißt mit. Vom Deutschen Symphonie-Orchester wird das teils ausgebremst. Die Streicher finden kaum zu geschlossener Fülle, vieles in den Geigen bleibt eher schmallippig. Dazu kommt ein bisweilen unaufgeräumtes Klangbild.
Umso erstaunlicher, wie selbstverständlich derselbe Apparat nach der Pause zu Höchstform aufläuft. Berlioz vom Allerfeinsten! Am Pult baut Constantinos Carydis dabei einen Musik-Thriller. Carydis erzählt diese wohl erste richtige Programmmusik der Musikgeschichte stark aus dem Bauch heraus, und doch ist sie perfekt austariert. Der Walzer schimmert fein abgestuft, die „Scène aux champs“ darf weiträumig atmen, der Trauermarsch trifft einen brutal, der Hexensabbat verstört, kurzum: Dieser Berlioz sucht seinesgleichen. Die Nerven liegen völlig blank, selten klang Kontrollverlust so bezwingend.WILLI PATZELT