Hoffnung für die Welt

von Redaktion

Sängerin Tori Amos berührt ihr Publikum im Circus Krone

Ihr geht es ums Wesentliche: Tori Amos, hier bei einem Konzert in Mailand. © imago

100 Minuten Tori Amos in einen Artikel zu packen, ist nicht schwierig. Es ist unmöglich. Im ausverkauften Münchner Circus Krone thront die Amerikanerin, die schon lange in Großbritannien lebt, wie immer frontal zum Publikum breitbeinig auf ihrem Klavierschemel und schafft es tatsächlich, sich stichprobenartig durch ihr gesamtes Schaffen zu spielen. Nur von Schlagzeug, Bass und drei Sängerinnen begleitet, erzeugt sie eine einzigartige Dramaturgie, die sich regelmäßig in kontrollierter Wut entlädt. Der schöne Bösendorfer Flügel muss einiges aushalten – und Amos selbst auch, wenn sie sich hin- und herschraubt zwischen Piano und Synthesizern, die sie so sparsam und intelligent nutzt wie nur wenige andere.

Amos singt gegen das Wiedererstarken des Machismo an

Seit 35 Jahren macht sie Musik, die alles ist außer Radiopop und dennoch eine beachtliche Anzahl von Menschen begeistert. Die Stilmittel wechseln, aber Amos ist unverwechselbar, auch weil sie immer ihrem Thema treu geblieben ist: Wie überlebt man als kluge Frau in einer Welt, in der Männer den Ton angeben, die nicht immer alle hochbegabt sind? Dafür aber oft gewalttätig und ignorant. Im neuen Album „In Times of Dragons“ singt sie an gegen das Wiedererstarken des Machismo, das sich hinter vermeintlich traditionellen Werten versteckt. Weil es schlecht für alle Menschen ist, gleich welchen Geschlechts. Amos sieht den Anspruch auf die Herrschaft des Stärkeren als Angriff auf Demokratie und Freiheit.

Beschwingte Feierabend-Beschallung war noch nie Tori Amos‘ Ding, die Frau bespricht wesentliche Anliegen, seit jeher. Und das musikalisch so berückend und herausfordernd, wie es sonst vielleicht nur noch Kate Bush gelingt. Mit ihrer beachtlichen Stimme, die im Laufe der Jahre dunkler geworden ist, und ihrem brillanten Klavierspiel testet sie die Grenzen dessen, was man Unterhaltungsmusik nennt, weit aus. Aber weil das zwingend und originell ist, gehen die Menschen mit. Das, was Amos da treibt, bekommt man nicht oft zu hören, das ist allen im Saal klar. Nach „Cornflake Girl“, einem der wenigen Amos-Songs, die eine Art Hit waren, ist Schluss und der Jubel ohrenbetäubend. Es gibt Hoffnung für die Welt, solange Musik von Amos so gefeiert wird.ZORAN GOJIC

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