Im Labor der Macht

von Redaktion

Umjubelte Uraufführung von „Of one Blood“ an der Staatsoper

Grandiose Hauptdarstellerinnen: Johanni van Oostrum (li.) und Vera-Lotte Boecker. © Monika Rittershaus

Irgendwann werden die Stücke so stark, dass man den Schwindel glaubt. Nein, Mary Stuart und Elizabeth I. sind sich nie begegnet, trotz effektvoller Theater-Showdowns zwischen Friedrich Schiller und Gaetano Donizetti. Erst nach ihrem Tod bezogen die Rivalinnen um Englands Macht eine gemeinsame Ruhstatt, es ist die Westminster Abbey – eine im Süd-, eine im Nordschiff. Auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper bedeuten das nur rund zehn Meter. Zwei tonnenschwere Sarkophage im keimfreien Weißraum, umraunt von einer Klangfläche, in die sich Kratzgeräusche einer Schreibfeder mischen: Die Cousinen schickten sich regelmäßig Briefe und waren sich innerlich näher, als ihre Beeinflusser glaubten.

Brett Dean schielt listig nach Wirkung

An eine so effektvolle wie erlogene Geschichte dockt also Komponist Brett Dean an. Drei Jahre nach seiner in München nachgespielten „Hamlet“-Oper gibt es jetzt mit „Of one Blood“ eine veritable Uraufführung. Und knapp drei Stunden nach dem ersten Klang kriegt sich das Premierenpublikum gar nicht mehr ein. Jubel bis zu Standing Ovations. Dean und seine textdichtende Ehefrau Heather Bretts zielen aufs Großformat und nicht auf den letzten Avantgarde-Schrei. Es ist eine Musik, haptisch, plastisch, fast lässt sie sich greifen. Vor der Pause mit hohen Umdrehungszahlen, ein Hecheln im Hamsterrad, (selbst-)verliebt ins Kinetische, das läuft sich auch leer.

Nach der Pause, in der Geschichte sind 19 Jahre vergangen, Mary ist inzwischen Gefangene von Elizabeth, da hat auch die Musik einen Schub hinter sich. Dean verlässt sichere Ufer, jongliert noch mehr mit Mixturen und Strukturen, auch mit Zeitebenen. Immer wieder weht Verfremdetes aus Renaissance und Barock, schafft Inseln in der Aufgeregtheit. Ein Cembalo-Spieler, es ist der grandiose Mahan Esfahani, spielt sich in den Rausch. Sekundiert werden die Königinnen von Hofdamen und -schranzen, bei Dean zwei Vokalconsorts. Ein Teil des reich ausdifferenzierten Schlagwerks wird aus dem Keller zugespielt (was kaum hörbar ist), der Chor ist bis aufs Finale hinter die Szene verbannt. Geräusche und Klänge wandern im Dolby Surround durchs Haus. Oper total und in der dritten Dimension: Dean schielt da listig nach Wirkung – und kann damit auch einiges kaschieren.

Das anfangs schwächelnde, etwas stereotype Libretto wird durch die Partitur geadelt, das Stück durch seine Inszenierung. Regisseur Claus Guth, Etienne Pluss (Bühne) und Ursula Kudrna (Kostüme) sind bestmögliche Geburtshelfer für „Of one Blood“. Die Königinnen samt Hofstaat werden hier von Menschen mit Schutzanzügen in einen riesenkalten Raum gebracht und verselbstständigen sich. Ein Labor der Macht und dann doch wieder nicht. Psychologisierung der Figuren, Surreales und Stilisierung durchdringen sich. Manchmal wird die Musik in Choreografisches übersetzt. Auch Groteskes darf sein. Guth verschränkt das alles so subtil wie virtuos. Eine szenische Klarheit, die Emotionen und Beweggründe überscharf profiliert. Und die für das Grauen nur Andeutungen braucht: Die Enthauptung Marys vollzieht sich hinter einem hochgefahrenen schwarzen Rechteck. Ein Königinnen-Experiment ist dieser Abend, eine Vergegenwärtigung von Historie im Wortsinn.

Der andere Anwalt des Stücks steht im Graben. Vertrackte Riesenpartituren, das ist die Lieblingsspielwiese von Vladimir Jurowski. Die Souveränität und Selbstverständlichkeit, mit der der Generalmusikdirektor das Ensemble lotst, ist frappierend. Gleichzeitig ist es nicht nur ein Verbuchen und Realisieren: Jurowski lichtet, profiliert, spitzt zu – und das Beste: Alle können sich bei ihm in Sicherheit wiegen. Dean, früher einmal Bratscher bei den Berliner Philharmonikern, weiß, was ein Ensemble braucht. Und das Bayerische Staatsorchester nimmt die Angebote lustvoll auf.

Erstklassiges bis in kleinere Rollen

Seine Königinnen führt Dean auch in entlegene Tonregionen. Johanni van Oostrum (Elizabeth) und Vera-Lotte Boecker (Mary Stuart) gehen da beherzt und risikolustig mit – zumal ihnen der Komponist auch Kantables gönnt. Man bestaunt zwei Singdarstellerinnen, die ihre Partien so verinnerlicht haben, als handle es sich um ein Repertoirestück. Die Einsamkeit der Monarchinnen, ihre Zerrissenheit, ihre Suche nach Liebe, die ständige Angst um Macht und Leben, all das wird bei diesen beiden Sopranistinnen nicht nur gestisch, sondern als Vokalprofil erlebbar.

1-A-Besetzungen auch in den kleineren Rollen, die sich immer wieder zu Kammerchören formieren. Man hört, auf welch hervorragende Ensemblemitglieder sich die Staatsoper verlassen kann. Das Stück wandert weiter zu den Koproduktionspartnern in Santa Fé, zum britischen Garsington-Festival und nach Adelaide in Brett Deans Heimat Australien. Der Münchner Erfolg ist eine Prognose: Auch dort dürfte sich das Publikum von „Of one Blood“ überwältigen lassen.MARKUS THIEL

Nächste Vorstellungen

am 14., 17., 21. Mai;
Telefon 089/21 85 19 20.

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