Mosaik der Augenblicke

von Redaktion

Robert Seethalers neuer Roman „Die Straße“ beschreibt Heimat zwischen Häuserzeilen

Feiner Beobachter: Der Wiener Autor Robert Seethaler schafft in „Die Straße“ einen Mikrokosmos, der die großen Themen verhandelt. © Urban Zintel/Ullstein

Viele Häuser, viele Menschen, viele Gefühle, viele Schicksale, viele Lebensentwürfe. Robert Seethaler (Jahrgang 1966), berühmt geworden mit „Der Trafikant“ und seitdem ein sicherer Bestsellerautor, porträtiert im neuen Roman „Die Straße“. Urbane Räume, in denen Vielstimmigkeit herrscht und Geschichte abläuft, interessieren den gebürtigen Wiener seit jeher. Die Heidestraße, 1839 entstanden, ist unscheinbar: architektonisch, wirtschaftlich, historisch (nicht mal bombardiert im Zweiten Weltkrieg) und künstlerisch, da die Statue des Heiligen Jolander nur eine missglückte, bereits bröckelnde Arbeit eines Lehrlings ist. Aber diese Straße ist Heimat, „Ort der ersten Male“. Und zwar solch eine, wie wir sie uns wünschen.

Es gibt Metzger und Bäcker, zwei Wirtshäuser, den Blumenladen, Dr. Aysal, der immer, wirklich immer für alle da ist, Pfarrer eins (zu viel Koks) und Pfarrer zwei. Natürlich gibt es schrullige Typen wie den zugezogenen Antiquar, der aus der einstigen Kohlenhandlung einen Büchertempel machen möchte, es gibt den Lausbub mit der Steinschleuder, es gibt den Rassisten und den, der knackig kontert. Das Altenheim „Abendschein“ ist die Endstation der weise oder dement gewordenen Straßenanwohner. Die alteingesessenen Geschäftsleute veranstalten jährlich ein Straßenfest, bei dem es traditionell zu einer Schlägerei kommt. Genauso traditionell schreibt der Chef der Stadtviertel-Polizeistelle seinem Präsidenten, dass er wegen Unterbesetzung die Sicherheit nicht gewährleisten könne, und ebenso traditionell ignoriert ihn sein Vorgesetzter.

Seethaler verfolgt ein Jahr in dieser Straße – ein Reigen von Herbst zu Herbst. Wir sind noch in der Zeit, als man mit der Mark bezahlte. Multiperspektivisch zeichnet der Schriftsteller den Lebensraum der Menschen. Er setzt Skizze an Skizze, bis „Die Straße“ aus ihrer Bildermenge ein Gesamtbild wird. Ein Mosaik aus Augenblicken. Mal fixiert der Autor eine Person und ihre Gedanken, mal schweben Erinnerungen vorbei, als gehörten sie nur einem Haus, einer Etage, einem Platz. Dann knallt er uns in eisigen Dialogen Ehe-Grauen oder Frauenfeindlichkeit hin. Daneben Träume, Liebessehnsüchte und reichlich Nachbarschaftsklatsch.

Aktuell ist das, nicht nur weil wir in so einer Heimat leben wollen, sondern weil bereits in dieser Mark-Zeit Männer im feinen Zwirn auftreten. Und wir Heutigen sofort wissen, was das bedeutet. Das Stadtbiotop ist von Investoren, unterstützt vom Magistrat, existenziell bedroht. Kündigungen und Widerstand, Rechts-Tricksereien und Entmietung erlebt die Straße. Robert Seethaler garniert das sarkastisch mit der Behörden- oder Beschönigungsprosa der Zerstörer („spannende Stadtentwicklungsprojekte, die mittels partizipativer Verfahren zur Ausformulierung städtebaulicher Rahmenbedingungen zu kooperativen …“). Das Leben geht dennoch weiter. Der Antiquar hat sich von seinen Büchern befreit, die Geschäftsleute planen ihr Fest, die Polizei jammert, die Blumenhändlerin hat ihre große Liebe überlebt, und ein Ehepaar legt sich friedlich schlafen.SIMONE DATTENBERGER

Robert Seethaler:

„Die Straße“. Erschienen bei Claassen Hamburg, 240 Seiten; 25 Euro.

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