Wer sich auf diese (Zeit-)Reise begibt, sollte vielleicht wissen, wer Penelope ist, was es mit dem Trojanischen Pferd auf sich hat und dass die Sirenen hier einmal nichts mit der Feuerwehr zu tun haben. Doch keine Angst, dieses Epos wird ansonsten sehr frei nacherzählt. Das Lustspielhaus lädt ein zu einer ganz speziellen „Odyssee“, einer veritablen Irrfahrt auf den Spuren von Homer, die hier und da zu einer irren Fahrt wird. Am Dienstagabend war Premiere.
Alle wichtigen Akteure kommen vor, entsprechend groß ist das Ensemble. Zuerst zu nennen natürlich der Titelheld „Ody“ Odysseus (Sven Kemmler), der mit seinem Heldentum hadert und auf der Suche nach der Work-Life-Balance ist. Dann natürlich schon erwähnte Penelope (herrlich schrill: Nessi Tausendschön), die nicht länger „harren und häkeln“, sondern endlich etwas Sinnvolles machen will, bis der Gatte wiederkehrt, etwa einen „Ruderkurs“. Auch Hermes (Dagmar Schönleber), die „gottgewordene Sprachnachricht“, hat ihre Auftritte, ebenso Helmut Hades (Bernd Gieseking), Chef der gleichnamigen Unterwelt. Nicht zu vergessen Athene (Sandra da Vina), Odysseus‘ Schutzgöttin.
Kemmler, Jochen Malmsheimer (als blinder Seher Teiresias eine besondere Schau), Tausendschön und die anderen heben den antiken Stoff ins Heute, ihre Umdichtung oszilliert zwischen (Alltags-)Philosophie und Pop. Ist nicht beispielsweise Göttervater Zeus, der so oft seine Identität verschleiert(e), der eigentliche Erfinder der Deepfakes? Zwischen den klug aktualisierten ewigen Wahrheiten blüht – natürlich – jede Menge herrlicher Blödsinn, da tragen Odysseus‘ Gefährten Namen wie Domestos oder Hyaluron, die Freunde des Zyklopen Polyphem heißen Politur und Polyester. Dass die komplexen Texte noch abgelesen werden müssen, schmälert nicht den Spaß – der Palast des Odysseus wurde ja wohl auch nicht an einem Tag erbaut.
Zu erleben gibt es allerlei (nicht nur griechische) Ohrwürmer aus dem 20. Jahrhundert und einen grandiosen Auftritt von Ulan und Bator alias Sebastian Rüger und Frank Smilgies alias Scylla und Charybdis – fast ein Stück im Stück. Insgesamt gerät der Abend allerdings ganz schön lang. „Die Odyssee“ – so oder so auf jeden Fall zu schade, um sie nach nur vier Tagen schon zu archivieren. Weitere Vorstellung heute 20 Uhr.RUDOLF OGIERMANN