Dorian Gray im Revuemodus – das Ensemble sorgte für Begeisterungsstürme. © Peter Koren/Deutsches Theater
Mutig ist er zweifellos, der katalanische Choreograf Enrique Gasa Valga, der sich gemeinsam mit seiner Innsbrucker Limonada Dance Company immer wieder an Kulturikonen und Romanhelden wie Frida Kahlo, Romy Schneider oder jetzt Dorian Gray wagt. Große Begeisterung löste auch die aktuelle choreografische Adaption von „Das Bildnis des Dorian Gray“ (1890) aus, die am Mittwochabend den Theatersaal des Deutschen Theaters in düster-schlüpfrige Bildwelten tauchte, um den ins Böse driftenden Lebensweg des jungen Beaus nachzuzeichnen. Einer, der seiner Eitelkeit erliegt und dafür einen hohen Preis zahlt: Ein von seinem Freund Basil Hallward (Gabriele Tamolli) gemaltes Porträt möge an seiner statt altern, er aber für immer begehrenswert und makellos schön bleiben. Auch für Dorian Gray erfüllt sich damit der uralte Wunsch nach unvergänglicher Schönheit und Unsterblichkeit: forever young.
Von Oscar Wilde selbst bleibt in der Ballettfassung wenig übrig, und auch der komplexen Handlung kann man nicht immer mühelos folgen. Der Wert der Bühnenfassung liegt vielmehr in ihren starken Bühnenkünstlern. Ob die Tänzer der Kompanie, die Sängerinnen Elisa Gobbi und Greta Marcolongo als Dark Soul Girls oder die siebenköpfige Liveband – gemeinsam füllen sie die Bühne mit großer Präsenz und Energie. Mit ihnen kann der Choreograf seiner Linie des Revueballetts treu bleiben – das Ensemble hält Tempo und Raffinesse bis zum Schluss durch. Die Titelfigur, interpretiert von Locke Venturato, ist dabei ideal besetzt. Der hochgewachsene Australier ragt aus dem Ensemble hervor und überrascht neben soliden Tanzsoli mit einer herrlich rauchigen Gesangsstimme.
Den viktorianischen Stoff verlegt Valga in die Fünfzigerjahre, setzt deren Ästhetik aber nur punktuell ein: Gelegentlich fliegen Petticoats über die Bühne und die Tänzer zitieren Stepptanz oder Rock’n’Roll – mit großer Hingabe. Insgesamt ist die aktuelle Deutschlandpremiere vor allem etwas für eingefleischte Tanzfans mit Faible für flott-fetzige Bühnendarbietungen. Oscar-Wilde-Anhänger vertiefen sich lieber erneut in die literarische Vorlage. Dennoch: Ein mitreißender Abend ist es allemal, ohne inhaltliche Tiefe, dafür aber mit tänzerischer Dichte und einem Schluss wie ein Korkenknall. Das Publikum tobt vor Begeisterung.ANNA BEKE