Das KZ Dachau dient als Erinnerungsstätte – genauso wichtig sei aber das weitere Erforschen der Geschichte, sagt Herbert. © Peter Kneffel
Professor Ulrich Herbert ist einer der bedeutendsten Forscher zur Geschichte des Nationalsozialismus. Seine Recherchen über die Zwangsarbeiter in der NS-Zeit oder den SS-Ideologen Werner Best waren bahnbrechend. Im Interview warnt der Historiker der Universität Freiburg davor, die wissenschaftliche Arbeit zum Nationalsozialismus künftig zurückzufahren – gerade weil jede Generation neue Fragen an die Vergangenheit stelle.
Immer an Jahrestagen, wie kürzlich zum Kriegsende vor 81 Jahren, steigt das Interesse an der NS-Vergangenheit. Nervt Sie das?
Nein. Das hat ja vor allem damit zu tun, dass Journalisten einen aktuellen Anlass benötigen, um über die NS-Zeit zu berichten. Und Jahrestage sind ein solcher Anlass.
Läuft das Gedenken nicht oft sehr oberflächlich ab? Tieferes Wissen über die NS-Zeit ist trotz aller Forschungen in der Bevölkerung häufig nicht vorhanden?
Das sind zwei verschiedene Fragen: Zum einen hat sich in Deutschland ein gewisser Standard an Erinnerungsformen entwickelt, der oft kritisiert wird. Das Ritualisierte bleibt da nicht aus. Aber die Kritik ist etwas wohlfeil. Würde ein Politiker zu einem der Gedenktage auf neuestem wissenschaftlichem Kenntnisstand vortragen, würde er das Publikum überfordern. Das ist nicht die Aufgabe der Politik. Sie hat die Aufgabe, die Bedeutung der einzelnen Gedenktage für das Gemeinwesen zu akzentuieren. Und ich finde, dass zum Beispiel der Bundespräsident hierzu sehr gute und keineswegs ritualisierte Reden hält.
Und die Kenntnisse?
Die sind bei den meisten in der Tat nicht hoch. Aber woran will man das messen? Zudem ist allen Beiträgen über die Nazi-Diktatur, ob mündlich oder im Fernsehen, eine Gesamtdeutung vorgeschaltet, nämlich: Das war alles ganz schrecklich. Genauer will man es dann gar nicht mehr wissen. Ich habe dafür sogar ein gewisses Verständnis.
Warum?
Zum einen: Es gibt einen gewissen Überdruss an der Dauerthematisierung des Themas, insbesondere im Fernsehen, und da vor allem bei den Privaten. Wenn ich recht sehe, hat es in den vergangenen Jahren keine Woche gegeben, manchmal keinen Tag, in dem nicht mindestens ein Film über die NS-Zeit gesendet wurde, oft veraltet und von geringer Qualität. Das stumpft ab.
Und zum anderen?
Zum anderen ist die Vermutung verbreitet, dass Kenntnisse über die Nazi-Zeit davor schützen, rechtsradikal zu werden oder jedenfalls ausländerfeindlich. Das bezweifle ich. Man muss nichts über das Dritte Reich wissen, überhaupt nichts, um zu wissen, dass man keine Leute erschlägt oder Ausländerheime anzündet. Wir haben eine gut funktionierende Moralstruktur christlicher und aufklärerischer Prägung, die dafür vollkommen ausreichend ist. Der Nationalsozialismus ist keine umgekehrte Moralgrundlage. Auf der anderen Seite sind vertiefte Kenntnisse über die NS-Zeit aber unentbehrlich für jeden, der über unsere Geschichte spricht und die Gegenwart verstehen will. Da reicht es nicht, bloß seine Abscheu zu bekunden.
Inwiefern?
Ein Beispiel: Auf die Frage, wie hoch denn der Anteil der deutschen Juden war, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind, erhält man selbst unter Gebildeten verstörende Antworten: die Hälfte? Eine Million?
Es waren tatsächlich viel weniger.
Zwei Prozent. 98 Prozent waren anderer Nationalität, denn die Nationalsozialisten ermordeten ja die Juden in ganz Europa. Es ist niemandem ein Vorwurf zu machen, wenn er das nicht auf Anhieb weiß. Aber daraus ergeben sich Schlussfolgerungen, die bis in unsere Gegenwart reichen. Und ich bin schon dafür, dass an den Schulen und Universitäten systematisch Kenntnisse vermittelt werden – nicht moralische Positionen.
Geschieht das nicht?
Nun ja. Dem Übermaß an medialer Aufmerksamkeit, etwa im TV, steht paradoxerweise gegenüber, dass es in Deutschland – eine mit dem Fritz-Bauer-Institut Frankfurt verbundene Einrichtung beiseite gelassen – keinen einzigen Lehrstuhl für Holocaust-Forschung gibt. Und dass es nur noch ganz wenige Geschichtsprofessorinnen und -professoren gibt mit einem Schwerpunkt in der NS-Geschichte. Das war vor 20 Jahren noch ganz anders. Nun hört man ja oft: Die NS-Geschichte sei ja erforscht. Das ist insofern skurril, als dies ja, sagen wir, für die Französische Revolution oder Kaiser Augustus in ungleich größerem Maße gelten müsste. Aber keiner käme auf die Idee zu sagen: Schluss mit der alten Geschichte, die ist genug erforscht. Denn jede Generation stellt ihre eigenen, neuen Fragen an die Vergangenheit. Und das gilt für die NS-Zeit in ganz besonderem Maße.