NACHRUF

Charakterkopf mit Herz

von Redaktion

Schauspieler Günther Maria Halmer ist mit 83 Jahren gestorben

Lässiger geht‘s nicht: der junge Halmer. © Archiv

Legendär: Halmer als Tscharlie (Mitte) beim Ritt über die Leopoldstraße in den „Münchner Geschichten“ 1974. © BR

Seit 1976 verheiratet: Halmer mit Ehefrau Claudia. © Babirad

Als Brandner Kaspar im Residenztheater. © Then/Ippen-Media

Seine Heimat war das Chiemgau: Günther Maria Halmer wurde in Rosenheim geboren. © Holzemer/BR

Jetzt hat er ihn geholt, der Boandlkramer: Günther Maria Halmer ist tot. Wie unsere Zeitung erfahren hat, starb der Schauspieler in der Nacht von Sonntag auf Montag in seiner bayerischen Heimat. Und ausgerechnet der Brandner Kaspar, der mit dem Boandlkramer über den Tod schachert und schnapselt, war seine letzte Rolle. Grandios war er darin, umjubelt auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. Eine ständig ausverkaufte Inszenierung, in der Halmer noch einmal sein ganzes schauspielerisches Können, seine Kraft, seine Tiefe zeigen konnte.

Seine letzte Rolle war der Brandner Kaspar am Residenztheater

Doch wenige Monate nach der Premiere war im Dezember vergangenen Jahres Schluss. Halmer musste Vorstellungen absagen, krankheitsbedingt pausieren, hieß es aus Theaterkreisen. Man hörte von einer schweren Krankheit. Ehefrau Claudia beruhigte damals, sie sagte unserer Zeitung am Telefon: „Er erholt sich, er will auch wieder den Brandner Kaspar spielen.“ Beide wollten noch zu ihrer jährlichen Ayurveda-Reise nach Sri Lanka. Seitdem ist es ruhig geworden. Halmer kehrte nicht mehr auf die Bühne zurück. Und auch nicht vor die Kamera. Bei den Eagles, dem Club der Golfer mit prominenten Namen, zeigte er sich nicht mehr.

Sein privater Rückzugsort war das malerische Höhenmoos, ein Bilderbuchdorf im idyllischen Chiemgau. Als die Kolumnistin ihn dort einmal besuchte, zeigte Halmer seinen Lieblingsplatz: die Bank in der Dorfmitte, unweit der Kirche. „Hier werde ich ruhig“, sagte er. Manchmal ging er dann einen Rundweg über die Felder, das machte den Kopf frei. Hier war er nicht der Star, der prominente Schauspieler mit Hollywood-Erfahrung. Sondern der Günther. Bodenständig, klar, ohne Schnick-Schnack. Das war dem gebürtigen Rosenheimer ohnehin immer zuwider.

Und wenn ihm was nicht passte, machte er daraus auch keinen Hehl. Grantig sagten die einen, raubeinig die anderen. Deshalb war ihm die Rolle des Tscharlie in der Helmut-Dietl-Kultserie „Münchner Geschichten“ auf den Leib geschrieben. Einer, der mit dem Pferd durchs „Tal des Todes“, sprich die Ludwigstraße, reitet und sich die Welt so macht, wie‘s ihm taugt. Und nicht nach der Pfeife anderer tanzen.

Denn das war ihm schon als Bub zutiefst zuwider. Deshalb ist er auch mit seinem strengen Vater, einem Juristen, ständig aneinandergeraten. 1943 in Rosenheim geboren, wollte sein Vater, dass er „einen anständigen Beruf“ wählte. Die Schauspielerei gehörte nicht dazu. Halmer, der sich in seiner Biografie „Fliegen kann jeder“ mit seiner schwierigen Kindheit auseinandersetzte, brach aus. Er schmiss die Hotellehre hin, eckte bei der Bundeswehr an, ging nach Amerika, heuerte in einem Asbestwerk in Kanada an.

Schwere körperliche Arbeit, die ihm aber Klarheit bringt: Er will Schauspieler werden. Zurück in Deutschland, wird er in München an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule genommen. Erste Sporen verdient er sich an den Münchner Kammerspielen, dann besetzt ihn Helmut Dietl als Tscharlie, macht ihn zum Anti-Helden, der sich dem spießigen Trott widersetzt. Auch Jahrzehnte später, als Halmer „Anwalt Abel“ gibt und damit kurioserweise den Wunsch seines Vaters erfüllt, drückt er immer wieder aus, wie wichtig es ist, seinen eigenen Weg zu gehen.

Der führt ihn sogar nach Hollywood. Halmer spielt an der Seite von Meryl Streep, von Ben Kingsley, Maximilian Schell und Omar Sharif. Er bekommt eine Nebenrolle in dem Oscar-prämierten Leinwand-Epos „Ghandi“. Zurück in Deutschland, wird er „Tatort“-Kommissar. Halmer dreht bis 2024 durchgehend Serien- und Fernsehfilme, schlüpft in über 180 Rollen. 2021 bekommt er den Bayerischen Verdienstorden.

Seit Mitte der 1970er-Jahre an seiner Seite: Ehefrau Claudia. Mit ihr hat er die Söhne Daniel und Dominik. Doch die Familie war sein Privatleben, nie zerrte er seine Kinder in die Öffentlichkeit. Wenn er von Dreharbeiten nach Hause kam, wollte er Golf spielen oder seine Ruhe haben. Am liebsten auf der Bank in der Dorfmitte bei der Kirche.MARIA ZSOLNAY

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