Kennengelernt haben sich Saxofonist Abdias Armenteros (Foto: Lincoln Center), Bassist Sebastian Rios und Schlagzeuger TJ Reddick beim Studium an der Juilliard School in New York. Dergestalt bestens vorbereitet für den Karrierestart kam die Pandemie dazwischen. Notgedrungen verabredeten sie sich, im Freien zu jammen, in Parks und an Bushaltestellen zu spielen („Tauben und Ratten waren unser erstes Publikum“ scherzt Rios).
Dass die Chemie stimmte, war schnell klar, daher die Überlegung: Was, wenn wir das ernst nehmen und Stücke speziell für dieses Trio schreiben? Es war die Geburtsstunde von New Jazz Underground: Erste Videos gingen viral, eine EP mit Neuinterpretationen der Musik von Rap-Star Kendrick Lamar war schnell ausverkauft und verschaffte dem Trio Kultstatus – genügend Hype, um auf der ersten Europatournee die Münchner Unterfahrt rappelvoll zu machen. Und dort wird schnell klar: Hinter dem Hype steckt Substanz. New Jazz Underground sind eine Band, kein Saxofonsolist plus Rhythmusknechte. Um der drohenden Monokultur der Instrumentierung entgegenzuwirken, schreiben Armenteros und Rios die Improvisationen strukturierende, oft mehrteilige Songs, in denen alle Instrumente gleichwertig präsent sind. Rios‘ Kontrabass ist das Rückgrat, sein kraftvolles Spiel vermittelt zwischen der melodischen Verführungskraft des Saxofons und dem unwiderstehlichen Drive der Trommeln.
Überhaupt lautet das Zauberwort, das die unterschiedlichen Gangarten verbindet: Groove. Fest verwurzelt in der Jazztradition, integrieren sie subtil Hip-Hop-Rhythmen und Afrokaribisches oder beziehen sich in Rios‘ eindrucksvoller „Blues Suite“ auf die populären Musikformen des amerikanischen Südens. Armenteros, ein zwischen Tenor und Sopransax wechselnder sanfter Hüne, der nie die melodische Entwicklung (und den Groove!) aus den Augen verliert, singt in der Zugabe „Jazz is a Four-Letter Word“: Ja, aber eines, das man, so mitreißend dargeboten, ganz ungeniert aussprechen darf.REINHOLD UNGER