Die Wiederentdeckte

von Redaktion

Maria Lazars Erzählungen veröffentlicht – das Volkstheater zeigt „Der blinde Passagier“

Sie prägte die Literatur der Zwischenkriegsjahre: die österreichische Autorin Maria Lazar. © Trude Fleischmann/Ullstein

Noch immer gibt es ungezählte Möglichkeiten, diese Geschichte beginnen zu lassen. Zum Beispiel im September 2022, als Albert C. Eibl nach Nottingham, Großbritannien, reist, um bei Kathleen Dunmore, der Enkelin Maria Lazars, den Nachlass der Schriftstellerin (1895-1948) zu sichten. Wenige Monate später geht das Konvolut nach Wien an die Österreichische Exilbibliothek und wird seitdem peu à peu der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Oder man lässt die Geschichte 2014 anfangen, als der 1990 in München geborene Eibl in Wien seinen Verlag „Das vergessene Buch“ gründet. Er studiert Germanistik und kümmert sich jenseits des Hörsaals darum, vorrangig Autorinnen des 20. Jahrhunderts, die aus der Literaturgeschichte gefegt wurden, zurück ins Bewusstsein zu holen. Frauen wie Else Jerusalem, Marta Karlweis oder eben Lazar. Vielleicht sollte man auch am Münchner Volkstheater starten, wo am 21. Mai Lazars „Der blinde Passagier“ Premiere hat. Adrian Figueroa inszeniert das Drama, das 1938/39 im dänischen Exil entstanden ist: „Die vergessenen Theaterstücke“ – es sind drei – hat Eibl 2024 herausgebracht.

Am besten beginnt diese Geschichte allerdings auf Seite 124 von „Gedankenstrahlen“, dem Band mit Lazars Erzählungen, der unlängst erschienen ist. Dort lernen wir Frau Svensson kennen. „Sie selbst hockte in ihrem langen dunklen Gang wie ein fetter alter Angler, der seine Schnüre auswirft, nach Neuigkeiten, nach Ereignissen. Niemand schlüpfte unbemerkt an ihr vorbei. Sie brauchte einen nur anzusehen und sie wusste schon, woher man kam, wohin man ging und was man tags zuvor gegessen hatte.“ Gewiss, Frau Svensson ist nur eine Nebenfigur im Text „Die Milchflasche“ und für dessen Fortgang nicht wirklich von Bedeutung. Dennoch zeigt sich in der Gestaltung dieses Charakters die Kunst und das literarische Können Maria Lazars. Wenige Sätze, punktgenau formuliert – und wir schätzen uns bei der Lektüre noch heute glücklich, niemals an Svenssons Haken gezappelt zu haben.

Die Schriftstellerin kam 1895 als das jüngste von acht Kindern einer jüdischen Wiener Familie zur Welt. Die literarische Bühne betrat sie 1920 mit dem Roman „Die Vergiftung“. Zwischen den Kriegen arbeitete sie als Autorin, Journalistin, Übersetzerin – ab 1930 unter dem Pseudonym Esther Grenen. Erst der nordisch klingende Name bringt die verdiente Beachtung. Doch die schützt ihr Schaffen nicht vor dem Vergessenwerden – drei Jahre nach Kriegsende sieht Lazar, unheilbar krank, im Suizid den einzigen Ausweg.

Die Wiederentdeckung ihres Werks ist maßgeblich Eibl und seiner mutigen Verlagsgründung zu verdanken. 2014 legt er „Die Vergiftung“ neu auf, im Folgejahr kommt „Die Eingeborenen von Maria Blut“, ein Roman, der zu Lazars Lebzeiten nie in Druck gegangen ist. Inzwischen hat Lucia Bihler, die auch regelmäßig am Volkstheater arbeitet, das Buch, eine exakte Analyse des erstarkenden Nationalsozialismus, für die Bühne adaptiert.

„Gedankenstrahlen“ umfasst 30 Kurzgeschichten sowie die Novelle „Der Walzer im Hof“. Viele Texte wurden zwischen 1937 und 1942 in der „Basler National-Zeitung“ gedruckt, andere wiederum sind bislang nicht auf Deutsch erschienen. Trotz ihres Alters sind diese „Short Stories“ von überraschender Zeitlosigkeit. Eigenwillig, exakt, mit leisem Witz oder auch derb schwarzhumorig leuchtet Lazar Menschliches und Allzumenschliches aus. „Ich kenne dich nicht und ich werde dich nie kennenlernen“, schreibt sie an ihren „unbekannten Leser“ und fährt fort: „Aber in fernen, verregneten Tagen liegt mein Buch vor dir aufgeschlagen.“ Das ist ein Glücksfall.MICHAEL SCHLEICHER

Maria Lazar:

„Gedankenstrahlen“. Das vergessene Buch, Wien,
412 Seiten; 26 Euro.
Die Premiere von „Der blinde Passagier“ ist am 21. Mai, 19.30 Uhr, im Münchner Volkstheater; Karten: 089/523 46 55.

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