Lukas Bärfuss (Jahrgang 1971), einer der wichtigsten Autoren der Schweiz und eine der eindrücklichsten Stimmen im deutschsprachigen Raum, legt mit seinem neuen Werk keinen Roman wie zuletzt „Die Krume Brot“ vor. „Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter“ entzieht sich auch dem aktuellen Trend zum Autofiktionalen. Es deutet diese Richtung zwar an, wendet sich indes hin zu Biografien und Memoiren, um dann auf eine Analyse der Schweizer, ja unser aller Gesellschaftssysteme einzuschwenken. Mit Pamina und „Zauberflöte“-Tamino hat jene Frau nichts zu tun, nicht mit der Macht von Mozarts Königin, höchstens mit deren Härte: „Nein, sie wollte keine Mutter sein, kein Müeti, keine Hausfrau. Eine Königin wollte sie sein, eine Königin der Nacht, sich niemals beschweren, nichts erklären, eine Fürstin ohne Reich, in der Finsternis einer Gesellschaft, in der sie keine Bedeutung hatte.“
Das packende Buch ist in drei Abschnitte aufgeteilt. „Er“, „der Schriftsteller“, der seine Mutter 15 Jahre nicht mehr gesehen hat, kommt einige Tage nach ihrem Tod in ihre Wohnung auf Santo Domingo und konstatiert das, was ihr ganzes Leben und seines zum Teil bestimmt hat: Armut. Die Distanziertheit bleibt, ethische Reflexionen kommen auf und Erinnerungen an die letzte abstoßende Begegnung mit der Mutter. „Der Junge“ beherrscht den zweiten Teil. Armut, Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit prägen das Sein des Buben. Die Frau „verkauft“ ihn an einen Bauern, presst den Sohn in „Lebensödnis“ und verlässt ihn schließlich. Er ist 15 und obdachlos.
Die Zielgerichtetheit des Burschen, seine Kraft, die er auch aus Büchern nährt, weil sie ihm die Welt der Fantasie und des Wissens öffnen, lassen ihn überleben. Das Wunder Menschwerdung geschieht. Im dritten Teil verwendet Bärfuss das „Ich“. Ausgerechnet in dem essayistischen Text stellt er Ich-Nähe her. Mutterbilder sowie religiöse und psychologische Theorien darüber diskutiert der Autor nüchtern, bisweilen spröde. All das, was die Mutterlosigkeit an Schaden bei ihm hätte anrichten müssen, ist nicht eingetroffen. An diesem Punkt des Buchs hat sich die Abneigung gegen die Frau, die ihn geboren hat, bereits in ein übergeordnetes Interesse verwandelt: Wie war/ist die Stellung der Frau überhaupt? Wie die einer ledigen Mutter, die obendrein arm war/ist und von einem Nicht-Sesshaften gezeugt wurde? Wie stand/steht es um ihre Menschenrechte?
Der Autor geht in die Historie zurück, schaut auf den Umgang der Einheimischen und der Obrigkeit mit den Fahrenden, die man brauchte und dennoch ausgrenzte. Er schildert diese als Überlebenskünstler trotz Armut und Verfolgung; ihnen half Humor und das Geschichtenerzählen – wie ihm selbst ja auch. Erbarmungslos verurteilt der Schriftsteller die patriarchale (Schweizer) „Klassengesellschaft“ zwischen Überwachen, Frauenfeindlichkeit, Rassismus und „Krieg gegen die Armen“. Es ist, als müsse sich Lukas Bärfuss alles von der Seele schreiben, gebannt in eine imponierende Sprache knallharter Sentenzen, stechender Aphorismen und präzisen Zuschlagens – bis am Ende etwas Versöhnliches zumindest bei der Mutter entdeckt werden kann.SIMONE DATTENBERGER
Lukas Bärfuss:
„Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter“.
Rowohlt Verlag, Hamburg,
127 Seiten; 22 Euro.