Unser Panikpräsident

von Redaktion

Udo Lindenberg, Rocker und Therapeut der Deutschen, wird an diesem Sonntag 80 Jahre alt

Keine Panik! Udo Lindenberg, Musiker und coole Socke. © dpa

Wie mag Udo Lindenberg auf jemanden wirken, der ihn noch nie zuvor gesehen hat? Einen US-Grenzbeamten zum Beispiel? Man kann es nachlesen in Benjamin von Stuckrad-Barres Buch „Panikherz“. Lindenberg und der Autor stehen am Flughafen in Los Angeles. Einreisekontrolle. Große Nervosität. Doch der Sänger wickelt den humorlosen Schießhund am Schalter um den Finger – obwohl er keine Schuhe trägt, dafür neongrüne Socken, einen Nietengürtel und Jogginghose. Und im Sicherheitsbereich Zigarre pafft. Stuckrad-Barre schreibt: „Ich höre Udo sagen, er sei von Beruf Udo Lindenberg, diesen Beruf gebe es nur einmal auf der Welt, Udo, nicht Ufo, wobei, so sicher könne man da gar nicht sein, denn er sei eigentlich, heimlich, aber das dürfe keiner wissen, das entführte Kind von Charles Lindbergh.“ Das Ende vom Laber-Lied: Der Grenzer „lacht, er hört gar nicht mehr auf zu lachen. Er winkt Udo weiter, lacht immer noch, schüttelt den Kopf, ruft Udo hinterher, dass er ein lustiger Typ sei. And good Luck!“

Das ist die Magie von Udo Lindenberg. Der die deutschsprachige Rockmusik erfunden hat und sich selbst gleich mit – als Gesamtkunstwerk „coole Socke mit Hut“. Dass er sich Normen und Zwängen nicht von vornherein unterwirft, sondern sie erst mal lässig antänzelt, mit einem „Hallihallohallöchen“ auf den stets zum Kussmund geformten Lippen. Vielleicht kann man das Ganze ja auch weniger streng sehen, easy, ne? An diesem Sonntag feiern wir ihn zu seinem 80. Geburtstag auch dafür, dass seine Lockerheit, ein wenig vielleicht nur, aber immerhin, auf uns alle abgefärbt hat.

Er kommt in Gronau/Westfalen zur Welt. Nachkriegsmuff, das Elternhaus ist streng. Wann immer es geht, dreht Klein-Udo im Radio die Auslandssender rein – irgendwann hört er dort Elvis Presley. „Ich dachte, jetzt ist Erdbeben“, erinnert er sich später. „Damit war die für mich damals aktuelle Berufsentscheidung zwischen Seefahrer und Trommler gefallen.“ Es ist der Anfang der Erfindung Udo Lindenberg. Musik als Parallelwelt. Der 17-Jährige geht als Schlagzeuger einer wild zusammengewürfelten Band auf Tour. Frankreich, dann Libyen. In Tripolis spielt er für US-Soldaten – gezeichnet vom Whisky kommt er nach Hause, muss zum Bund. Kanonier. Er erleidet nach vier Monaten einen Nervenzusammenbruch.

Vielleicht bildet sich schon dort das heraus, was Bazon Brock 2007 in seiner Laudatio anlässlich des Carl-Zuckmayer-Preises für Lindenberg sagt: Der sei ein „Homo panicus“, also einer, „der alle Schrecken der modernen Zivilisation, der auseinanderfallenden Gesellschaften, der Egoismen, Grausamkeiten durchspielt, um sich gegen sie zu feien“. Ein reizvoller Gedanke: Udo behält für uns alle ruhig Blut angesichts der Härten, die das Leben auf Lager hat. Den Ausdruck „Keine Panik!“ lässt sich der Rocker im Jahr 2016 als Marke schützen. Die Figuren in seinen Texten – Bodo Ballermann, Jonny Controlletti, Carl Brutal, Votan Wahnwitz – verkörpern, was wir verdrängen, in ihnen erkennen wir uns wieder – so gesehen ist Lindenberg der große Therapeut der Republik. Er selbst firmiert als cooler „Panikpräsident“.

Das kann er aber nur sein, weil er unser Ohr hat. Nach Lehrjahren etwa bei Klaus Doldinger (die funky Trommel der „Tatort“-Titelmelodie ist seine) ist er der Erste, der konsequent auf Deutsch singt. Rio Reiser von Ton Steine Scherben war früher dran, aber deren Agit-Prop zielte zunächst auf ein linkes Publikum. Lindenberg macht Musik für alle, ohne Angst vor Peinlichkeit, Pathos und Passion. Er macht die deutsche Sprache wieder singbar – jenseits von Schlager-Banalität. Udo covert Marlene Dietrich oder die Glenn Miller Band. Deren „Chattanooga-choo-choo“ wird bei ihm der „Sonderzug nach Pankow“, eine Bewerbung an die DDR, ihn dort spielen zu lassen. Lindenberg ist der deutsche Sänger, der sich am meisten um die Hörer im Osten bemüht. Die Führung gibt klein bei: 1983 darf Udo im Palast der Republik auftreten, 1987 schenkt ihm Erich Honecker eine Schalmei, er dem SED-Generalsekretär eine Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“.

Natürlich kommt kein Leben ohne Dellen, Schrammen und Amputationen aus. Lindenbergs Endgegner ist der Alkohol, dem er immer wieder verfällt. Er säuft das Lampenfieber weg, macht Trinkfestigkeit zum Eignungskriterium für die Mitglieder seines „Panikorchesters“ („Ich stand echt mit dem Röhrchen hinter der Bühne, bitte einmal pusten, und wer weniger als 1,3 Promille hatte, musste sich erst auf Niveau trinken“). Der erste Totalabsturz erwischt ihn nach dem Tod seiner Mutter, der nächste Ende der Achtziger. Weiße Mäuse, Selbstmordgedanken: Mit etwa 60 schwört er dem Suff ab – seitdem pflegt er seinen „Keine Panik!“-Umgang mit dem Stoff: Er malt damit. Seine „Likörelle“ werden für bis zu 20.000 Euro gehandelt.

Mit der Nüchternheit kommt der Erfolg zurück. Lindenberg, den mittlerweile jeder im Land parodieren kann und der seit Mitte der Neunziger im Hamburger Hotel Atlantic residiert, feiert 2008 ein Comeback – sein Album „Stark wie zwei“ beschert ihm Top-Chartplatzierungen. Sein erster Nummer-1-Hit kommt spät, darum aber umso wuchtiger: Mit Apache 207 und dem Song „Komet“ schießt er 2023 an die Spitze. Nach Elvis’ Tod 1977 schrieb Lindenberg: „Wer soll mir jetzt vormachen, wie man in Ehren zum Rock-Opi wird?“ Du hast es auch so geschafft, Udo. Du bist unser aller Rock-Opi, und zwar ganz locker.JOHANNES LÖHR

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