Vor ein paar Tagen erst ließ sie ausrichten: Sie sei an Krebs erkrankt, unheilbar und im Endstadium. Dass es so schnell ging, hat die geschockte Musikwelt allerdings nicht erwartet. Am Freitag ist Felicity Lott im Alter von 79 Jahren gestorben. Eine singuläre Künstlerin, eine Aristokratin des Gesangs. Insofern war 1996 die Erhebung zur Dame durch Elizabeth II. nicht nur eine Ehrung, sondern Widerspiegelung eines künstlerischen Selbstverständnisses.
Wenn Felicity Lott, die 1947 im Küstenort Cheltenham zur Welt kam, Lieder, Oratorien oder Opern sang, floss vieles zusammen: intelligente Textreflexion, natürliche Weisheit, einzigartige Technik und immer ein wenig Distanz zum Vorgetragenen. Felicity Lott war keine, die sich in ihren Auftritten verlor. Auch ihre Stimme, stets lyrisch grundiert und nie forciert geführt, war keine von der Stange. So makellos sie ihre Phrasen formen konnte, so charaktervoll und individuell im Ausdruck blieb sie dabei. Nicht umsonst war Felicity Lott auf der Opernbühne genauso gefragt wie als Liedsängerin. Auch weil sie eine polyglotte Künstlerin war. Sie war die vielleicht französischste Britin überhaupt: In ihrem Empfinden für den Sprachklang und die jeweilige nationale Stilistik war sie fast nur noch vergleichbar mit dem 2017 gestorbenen Tenor Nicolai Gedda.
Mit den lyrischen Partien Mozarts eroberte sich Felicity Lott die Opernbühne. Doch die Feldmarschallin im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss wurde zu einer ihrer wichtigsten Rollen. Wo die Kolleginnen in Wehmut badeten, war bei Felicity Lott eine augenzwinkernde Melancholie – und als Zuhörer verstand man: Diese reifende Frau angelt sich bald den nächsten Lover. Überhaupt war Felicity Lott eine hinreißende Humoristin – weil es zum Beispiel in Offenbachs Operetten immer schien, als benehme sich eine Grande Dame ein bisschen daneben. Es spricht viel dafür, dass sich nun die da oben amüsieren dürfen.MARKUS THIEL