Die strahlende Siegerin: Dara aus Bulgarien überzeugte mit „Bangaranga“ und ihrer Stuhl-Choreografie. Sarah Engels‘ „Fire“ (u.) kam vergleichsweise lauwarm rüber. © Hannibal Hanschke/EPA, Jens Büttner/dpa
Germany, twelve points! Deutschland, zwölf Punkte! Das klingt gut – war für Sarah Engels aber leider die gesamte Ausbeute des Abends. Mit Platz 23 von 25 Ländern fuhr Deutschland beim Eurovision Song Contest in Wien die nächste Pleite ein. Wie man’s besser macht, zeigte Bulgarien, das mit Sängerin Dara und dem Dancepop-Ohrwurm „Bangaranga“ triumphierte. Dara statt Sarah – das war der ESC 2026, bei dem in der ARD und auf One starke 8,94 Millionen zuschauten. Nächste deutsche Chance beim Wettsingen: Sofia 2027.
Warum landete Deutschland wieder ganz hinten? An Sarah Engels lag es nicht. Die Kölnerin gab alles, sang prima und wurde in der Woche von Wien mit ihrer fröhlichen Art vor Ort zum Publikumsliebling. „Sie ist ein Zirkuspferd“, kündigte Barbara Schöneberger an, und das Pferdchen trabte los. Die Sängerin machte noch das Beste aus dem altbackenen, biederen Song „Fire“, der nicht nach 2026 klang – sondern nach ESC-Balkanpop Marke 2006. Schuld ist der SWR, der sie mit dieser Funkenmariechen-Nummer in den Vorentscheid schickte. Dass sie den gewinnt, war bei ihrer Bekanntheit zu erwarten.
Wie lief der deutsche Abend? Aus Bulgarien, Belgien, Portugal und Italien gab es wenigstens noch zwölf Jury-Punkte für „Fire“. Doch von den TV-Zuschauern aus 35 Ländern setzte es dann die Höchststrafe: null Punkte vom Publikum. Das bedeutete zwar nicht, dass ganz Europa den Beitrag furchtbar fand. Aber „Fire“ landete nirgends unter den Top 10, und nur für die gibt es Punkte. Dass man dafür auffallen und herausstechen muss – und zwar positiv –, hat nach dem NDR nun auch der SWR nicht verstanden. Das mutige und moderne „Baller“ landete letztes Jahr zwar auch nur auf Rang 15, schnitt aber wesentlich respektabler ab. „Davon werde ich meinen Enkelkindern erzählen“, zeigte sich Sarah Engels am Ende tapfer. „Ich möchte nicht, dass Deutschland traurig ist.“
Mag Europa beim ESC Deutschland nicht? Diese gern geäußerte Vermutung bleibt Unfug. Jedes Land kann gut abschneiden – wenn der Beitrag begeistert. Bestes Beispiel ist Bulgarien. Zuletzt war das Land wegen Chancenlosigkeit dreimal gar nicht dabei, jetzt die triumphale Rückkehr. Wie schnell sich der Wind dreht, zeigt Österreich: letztes Jahr Sieger, dieses Mal Vorletzter. Dass Deutschland den ESC rocken kann, zeigten Lenas Sieg 2010 und Michael Schultes vierter Platz 2018. Ansonsten kam aber zuletzt fast immer Mittelmaß, das zu Recht abgestraft wurde.
Wie überzeugend gewann die Bulgarin? Dara fuhr einen Rekordsieg ein. 516 Punkte bedeuteten den haushohen Triumph vor Israel (343) und Rumänien (296). Damit übertraf sie den bisher höchsten Vorsprung von Alexander Rybak 2009. Und erstmals seit 2017 konnten sich Jurys und Publikum auf einen gemeinsamen Sieger einigen. In den nächsten Monaten wird Europa „Bangaranga“ singen – was auf Jamaika für „Aufruhr“ und „Unruhestifterin“ steht. Denn der Titel ist ein moderner Ohrwurm, er ist partytauglich und passt perfekt auf TikTok. Sogar Sarah Engels gab zu: „Ich finde den Song geil. Und ich mag Dara, die ist sexy.“
Wie reagierte die ESC-Community? Die Erleichterung in Wien war groß. Nach zwei kuriosen Opern-inspirierten Siegern gewann endlich wieder ein Song, der auch nach dem ESC für Furore sorgen kann. Und weil ein Sieg Israels, das erneut mit Buhrufen bedacht wurde, noch mehr politische Verwicklungen gebracht hätte, wurde der erste Erfolg Bulgariens umso heftiger bejubelt.
Was können wir vom Sieger lernen? Während Deutschland im eigenen Saft schmort, haben die Bulgaren auf erfolgsgewohnte, internationale ESC-Koryphäen gesetzt: auf die norwegische Hitschreiberin Anne Judith Wik, auf den schwedischen Choreografen Fredrik Rydman, der schon die Siegerbeiträge 2015 und 2024 inszenierte. Der SWR muss internationaler denken – und ein mitreißendes Gesamtpaket aus Song und Choreo finden. Siegerin Dara erinnert im Übrigen frappierend an Nina Chuba („Wildberry Lillet“). Mit solch einem Topstar könnte Deutschland 2027 in Sofia garantiert auf ein besseres Ergebnis anstoßen.JÖRG HEINRICH