Zwischen Manipulation und Mogeln

von Redaktion

Münchner Koch-Show und dürftige Roman-Bearbeitungen beim Berliner Theatertreffen

Die bunteste, turbulenteste Aufführung des Festivals war der „Wallenstein“ von den Münchner Kammerspielen mit Samuel Koch. © Armin Smailovic

Wie leicht die Masse Mensch zu manipulieren ist, lässt sich an einer sehr gelungenen Theateraufführung beobachten. Beim gestern zu Ende gegangenen Berliner Theatertreffen bot Regisseur Jan-Christoph Gockel mit seiner wirkungsmächtigen Inszenierung von Schillers „Wallenstein“-Trilogie ein bemerkenswertes Beispiel. Liebe geht durch den Magen. Dem Sprichwort gemäß und dem hergestellten Gegenwartsbezug zu „Putins Koch“ Prigoschin von der Wagner-Truppe wird der Klassiker zur fulminanten Koch-Show und einem Schlachtfest zugleich. Was dem Schiller nicht schlecht bekommt und gleichzeitig die Gefahr eines derartigen Überwältigungs- und Mitspieltheaters in sich trägt.

Wenn im zweiten Teil, „Die Piccolomini“, die Zuschauer auf die Bühne gebeten werden und sie im Haus der Berliner Festspiele in Massen dieser Einladung folgen, um mit Wallensteins Generalität ahnungslos ein gefälschtes Dokument gegen den Kaiser zu unterzeichnen, ist das ein schönes Beispiel für die Manipulationsbereitschaft des Publikums, noch dazu, wenn es danach beim Bühnen-Bankett mitspeisen darf. Das alles ist lustvoll und verführerisch. Aber so schnell wird man zum Verräter. Dieser „Wallenstein“ von den Münchner Kammerspielen war die bunteste, turbulenteste Aufführung des Theatertreffens. Herausragend Annette Paulmann (Ocatavio), Annika Neugart (Max) und Katharina Bach (Illo).

Angesichts von Schillers gigantischem Drama nehmen sich die vielen Bearbeitungen von Romanen, die die Jury zum Theatertreffen eingeladen hatte, eher bescheiden aus. Auch die Lektüre von Klaus Manns „Mephhisto“ bietet mehr Erkenntnis als die daraus gedrechselte Münchner Kammerspiel-Fassung (Regie: Jette Steckel). Das Gleiche gilt für den voluminösen Roman „Il Gattopardo“ von Tomasi di Lampedusa aus Zürich, inszeniert in Schönheit schwelgend von Pinar Karabulut. Wie das Respekt gebietende Mammut-Solo „Serotonin“ des Schauspielers Giudo Lambrecht am Hans-Otto-Theater Potsdam in die Jury-Auswahl gefunden hat, ist ein Rätsel. Regisseur Sebastian Hartmann hat den Roman von Michel Houellebecq in eine lähmende Monotonie-Fassung gebracht. Regisseurin Lucia Bihler hatte aus Stuttgart ihre Theaterfassung von Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“ im Gepäck. Die ergreifende autobiografische Geschichte der manisch-depressiven Hauptperson hüllt sie in ein rosarotes Spektakel um Schauspielerin Paulina Alpen (in Berlin ausgezeichnet mit dem Alfred-Kerr-Preis) und ihre sechs abgespaltenen Ichs. Eine so tragische wie absurde Revue zwischen Funkenmariechen und Kindergeburtstag.

Ein handfester Bühnenklassiker, Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ vom Staatstheater Cottbus, bildete den Schlusspunkt. Nochmals Regisseur Hartmann. Es ist eine das Stück zerfleddernde Mogelpackung. Das neunköpfige Ensemble spielt einen Mix aus Grand Guignol und Kasperletheater. Frech und unterhaltsam, politisch, bunt und grotesk. Auf die Geschichte selbst kam es offenbar nicht an.

Wenn eine Aufführung absolut herausragend ist, stellt sich nicht die Frage, ob modern oder nicht, altmodisch oder zeitgenössisch. Zeitgenossenschaft und Modernität liegen in der Persönlichkeit der Darstellerinnen und Darsteller. Julia Riedler vom Wiener Volkstheater lässt als Arthur Schnitzlers Novellen-Heldin „Fräulein Else“ das Publikum genau das empfinden. Ihr und der Regisseurin Leonie Böhm gebührt der Lorbeer. Und Berlin darf sich freuen: Ab kommender Saison wird sie an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aufschlagen.SABINE DULTZ

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