Fotografen waren nicht erlaubt, dieses Bild stammt von 2024. © Getty Images
Eintracht auf der Bühne: Eric Clapton delegierte die Aufgaben bei seinem München-Konzert. © Instagram
Dieses Konzert ist kurz vor Beginn in ernster Gefahr. Nicht für Eric Clapton, nicht für die 9000 Zuschauer. Nein, der Autor dieser Zeilen hat ein Problem. Freund Philipp hat ein verspätetes Geburtstagsgeschenk mit zur Olympiahalle gebracht. Pearl Jam auf Vinyl. Super! Aber schlecht. Denn mit der Schallplatte bewaffnet kommt man womöglich nicht rein ins ausverkaufte Haus. Hintergrund: Vor einer Woche hat ein Fan in Madrid Clapton einen Tonträger auf die Bühne geworfen. Was (hoffentlich) als Liebesbekundung gedacht war, knallte gegen des Meisters Brust, Clapton war stinksauer und brach die Show ab. Wieder mal ein Beweis dafür, dass die Rock-Legende auf ihre alten Tage zum Grantler mutiert ist?
Ach was: Erstens winken die Ordner in München den Schreiber und seine Scheibe locker durch. Und zweitens sollte man für einen betagten Musiker, der in seine Kunst versunken ist, Verständnis aufbringen. Das gilt für Schockmomente auf der Bühne genauso wie für verbale Angstbeißerei gegen die Corona-Maßnahmen, für die Clapton viel Schelte einstecken musste. Und es gilt für dieses Konzert, das dank Claptons glorreicher sieben Begleiter wundervoll ist – auch und gerade weil die Legende nicht mehr so hell strahlt wie vor Jahren.
Was der 81-Jährige im grauen Anzug noch draufhat, zeigt er gleich im ersten Stück „Badge“: das perlende Riff, das Solo, bei dem er seine Gitarre – einen Nachbau der legendären Stratocaster „Blackie“ – singen lässt wie eine Geige. Ein satt verzerrter, summender, weich vibrierender Ton, den Clapton Mitte der Sechziger in die Rockmusik brachte. Seine eigene Stimme ist erstaunlich gut gealtert und für den Blues eh perfekt.
Aber ach, alle befürchten es, und er singt es im zweiten Stück „Key to the Highway“ selbst: „When I leave this time, I won’t be back no more.“ Wenn ich diesmal gehe, kehre ich nicht zurück. Es ist wohl sein letztes München-Konzert. Der Zahn der Zeit macht sich bemerkbar, auch an diesem Abend. Die Finger flitzen nicht mehr so flink wie früher (der Spitzname „Slowhand“ war mal ironisch gemeint, jetzt passt er), mitunter rutschen sie auch am richtigen Bund vorbei, ziehen die Saite nicht auf die passende Höhe. Und in „Little Queen of Spades“ setzt Clapton am Ende in der komplett falschen Tonart ein.
Doch die Sache ist die: Der Altmeister hat Doyle Bramhall an seiner Seite. Ganz in Schwarz, mit Fellkragen, Federn an der Perlenkette und getönter Nickelbrille sieht der aus wie der Teufel, dem Robert Johnson laut Blues-Legende seine Seele verkauft hat. Und er spielt auch so. Als Linkshänder eine Rechtshänder-Gitarre, mit den Saiten verkehrt herum, wie einst Albert King. Dann ist da Tim Carmon, der im Mittelteil von „Old Love“ seine Hammondorgel röcheln und gleich darauf in einem Affenzahn den Moog-Synthesizer jaulen lässt, als wären wir hier bei einer Jazz-Fusion-Jamsession. Bassist Nathan East legt den Groove für „Cocaine“, den Clapton funky aufnimmt, bevor ein weiteres Ensemble-Feuerwerk abbrennt.
„I shot the Sheriff“ spielen sie nahe an der Bob-Marley-Version, den „Crossroad Blues“ ohne Eile, „Layla“ verschwindet fast im Vergleich zum auftrumpfenden Original, so sachte ist es hingetupft. Überhaupt gerät der Akustikteil zum Gospel, weil Sharon White und Katie Kissoon ihn mit ihren Soulstimmen veredeln – vor allem aber wegen Clapton selbst. Er ist nicht mehr perfekt, zaubert nicht mehr jeden Ton sauber aus den Stahlsaiten. Aber wie seine Stimme bei der Totenfeier „Tears in Heaven“ bricht, das greift ans härteste Herz.
Von wegen Grantler. Beim Rausschmeißer „Before you accuse me“ grinst der Grandseigneur seine Getreuen an, es war eine große Show. „Bevor ihr mir Vorwürfe macht, schaut euch selber an“, singt er noch mal. Keine Vorwürfe, Eric, ganz im Gegenteil.JOHANNES LÖHR