Einfach ein cooler Typ

von Redaktion

Countertenor Jakub Józef Orliński im Prinzregententheater

Auch das beherrscht dieser Sänger: Jakub Józef Orliński beim Breakdance. © SKP Celebration Issue

Bevor Jakub Józef Orliński im Prinzregententheater den ersten Ton singt, herrscht im Saal eine Stimmung, wie man sie von Bayern-Spielen in der Allianz Arena kennt. Das Münchner Konzertpublikum gibt sich gern wohlerzogen, ist hier aber in bedingungsloser Jubellaune. Schließlich ist Orliński einfach ein cooler Typ. Er weiß das, spielt damit, kokettiert aber nicht billig. Ein „Deutschland, wie geht es dir?“ ruft er, als sei er mit Händel auf Stadiontournee. Später formt er Herzen mit den Fingern und wirkt fast selbst überrascht, was an diesem Abend los ist.

Die Begeisterung ist nachvollziehbar, obwohl das stimmliche Phänomen seines Countertenors erstaunlich unsentimental bleibt. Die Höhe steht hell, schlank, fast provokant vibratoarm im Raum. Gerade in der Mittellage ist das kein Farbenrausch, eher eine Kunst der Linie, der unbedingten Beherrschung, ja der künstlerischen Eindeutigkeit. Gerade darum wirkt vieles so bezwingend.

Am Flügel hält Michał Biel meist klug Maß. Barockmusik auf dem modernen Steinway kann leicht zu dick werden. Hier bleibt sie delikat, atmend, nie zudeckend. Händel bekommt Glanz, Attacke und federnden Zug; Purcell eine sprechende, nie überladene dramatische Kontur. Wunderbar auch die Komik des Ernstes: Wenn Orliński bei Purcells „Let me freeze again to death“ dramatisch erstarrt und das Publikum jubelnd hineinexplodiert, müssen Biel und Orliński selbst lachen. Der Tod hat an diesem Abend schlechte Karten. Und Deutschland geht es überdies, auf Orlińskis Frage, anscheinend besser als gedacht.

Die eigentlichen Highlights kommen aber aus Polen. Tadeusz Bairds vier Liebessonette nach Shakespeare stehen neoklassizistisch herb, archaisch und doch modern zwischen Purcell-Schatten und Avantgarde. Sieben kurze Lieder von Mieczysław Karłowicz ziehen die romantische Linie weit aus. Aus Reihe neun schallt es zwischen diesen Einminütern bald: „Eine polnische Winterreise!“ Gar nicht falsch. Als Zugabe fordert eine Dame per Zuruf Musik von Moniuszko. Und sie bekommt Moniuszko, dazu einen angedeuteten Breakdance. Getrampel, Standing Ovations, Ausnahmezustand. Noch mehr Purcell und Händel, der Saal steht Kopf. „Da soll mal einer sagen, klassische Musik sei tot“, ruft Orliński emphatisch. Recht hat er, an diesem Abend ganz besonders.WILLI PATZELT

Artikel 9 von 11