PREMIERE

Mord mit Aussicht

von Redaktion

Alban Bergs „Lulu“ als dunkle Groteske am Staatstheater Nürnberg

Letzte Sekunden einer Ausgestoßenen: Juliana Zara als Lulu und Simon Neal in der Doppelrolle von Jack the Ripper/Dr. Schön. © Pedro Malinowski

Der Schlaganfall des gehörnten Ehemannes? Der Suizid des betrogenen Liebhabers? Ihr Schuss auf den Mann, mit dem die einzige Liebe möglich gewesen wäre? Der Mord an einem weiteren Kerl? Alles Kollateralschäden. Was eben passiert, wenn man sich zwischen Deutschland, Frankreich und England durch Beziehungen laviert auf dem Weg nach oben. In vielen Psychositzungen ließe sich herausbekommen, was die Titelheldin umtreibt, warum ihr was widerfährt. Doch hier, am Staatstheater Nürnberg, wird nicht Schlag nach bei Dr. Freud gespielt, hier gibt es „Mord mit Aussicht“ zu Zwölftonsoundtrack.

Der inszenierende Hausherr Jens-Daniel Herzog hat eben gut hingehört. Die närrische, bizarre, kleinteilige, in viele Richtungen schießende Musik von Alban Bergs „Lulu“ hat tatsächlich etwas von Splatter-Komödie. Ein Frauenschicksal aus Absurdistan. Eine Groteske mit Todesfolge, bei der Logik nachrangig ist. Mehr Bilderbogen also als lineare Entwicklung. Herzog spricht sogar von Boulevardkomödie, das ist mehr als riskant.

Tatsächlich blendet diese Inszenierung vor der Pause einiges aus. Das Existenzielle, die sozialen Fallhöhen, das Grauen hinter dem Abgrund. Zugleich schiebt die Regie aber Klischees beiseite: Lulu als Männerfantasie, als bloße Projektionsfläche, als Vamp-Objekt, das gibt es in Nürnberg weniger zu sehen. Diese Frau, lüstern umkreist vom Zeitungsverleger Dr. Schön, seinem komponierenden Sohn Alwa, einem Maler, einem Athleten und der lesbischen Gräfin Geschwitz, gewinnt hier das Heft des Handelns zurück. Ein Weg nach oben und in den Untergang, weil sie es so will. Man muss das freilich so stark verkörpern wie Juliana Zara, die Perücken wie ihre Identitäten wechselt. Die Stimme: eher lyrisch, kleinformatig, ins Weiße tendierend, trotzdem mit viel Durchsetzungsenergie. Das Spiel: so hochtourig wie klischeefrei.

Herzog verlegt alles ins Heute, ohne modernistisch draufzudrücken. Der hohe Einheitsraum von Mathis Neidhardt mit seinen wenigen Versatzstücken wie Sofa, Tisch oder Treppe in den ersten Stock lässt sich schnell verwandeln. Die Kostüme von Sibylle Gädeke haben etwas Hintergründiges: eine (selbst erklärte?) Upper Class, die dem Leben nicht immer geschmackssicher begegnet.

Gerade dies ist die besondere Stärke dieser Aufführung: Weil sie manches leichter, grotesker, selbstverständlicher auch im Grauen nimmt als landläufige „Lulu“-Untersuchungen, bekommt alles eine große Natürlichkeit. So wie die Musik, mit der Roland Kluttig Gesangspersonal und Publikum nie überfährt. Es ist ein Dirigat der souveränen Disposition, der klugen Dosierung. Die filigranen Gesten und Mixturen, die Komik der Partitur, auch der spätestromantische Schmerzenston, all das ist präsent, wird jedoch nie ausgestellt. Eine musterhafte Kapellmeisterarbeit, die Staatsphilharmonie Nürnberg geht da, man hört es, nur zu gern mit.

Das starke Ensemble erst recht: Simon Neal ist ein baritonmächtiger, diktionsgenauer Dr. Schön, Martin Platz ein Alwa mit gedecktem Tenorstrahl, der die Facetten der Figur mit kleinen, nie karikaturenhaften (Klang-) Gesten plausibel macht. Almerija Delic leiht ihrer Geschwitz sinnliche Mezzodramatik, bei Hans Kittelmann (Prinz/Kammerdiener/Marquis) vergisst man wie immer, ob er singender Schauspieler oder der umgekehrte Fall ist. Taras Konoshchenko ist ein Schigolch der feinen Zwischentöne. Und, und, und – kein Besetzungsausfall, im Gegenteil.

Im dritten Akt driftet alles in Surreale

Bekanntlich konnte Alban Berg den dritten Akt nicht vollenden. Nürnberg spielt die Neufassung von Eberhard Kloke, der nicht nur ergänzte, sondern auch raffte und verdichtete. Die Musik ist nun elegischer, raumgreifender, flächiger in ihren Gesten, kantabler. Auch auf der Bühne zeigt Jens-Daniel Herzog einen Bruch. Alles driftet ins Surreale, Dämonische. Die Möbel sind bedeckt mit weißen Laken, Umzug und innerlicher Neubeginn der Figuren spiegelt sich wider in der Szenerie.

Als alle gleichzeitig ihre Befindlichkeiten äußern, ein schwächelnder Moment des Stücks, postiert Herzog einfach alle an der Rampe zum Plapper-Oratorium. Ein halbhoher Vorhang wie eine Brecht-Gardine senkt sich herab, der Mord an Lulu durch Jack the Ripper vollzieht sich im Nebenzimmer. Ein im besten Sinne puristischer Abend, der – und das ist das Allerbeste – auch Skeptiker zu diesem Stück verführen könnte.

Nächste Vorstellungen

am 30. Mai, 10., 14., 28. Juni; Telefon 0911/660 69 60 00.

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