AUSSTELLUNG

Blick zurück nach vorn

von Redaktion

Die Sammlung Rachel Salamander in der Münchner Monacensia

Mit Jürgen Habermas im Gespräch. © Thomas Hauzenberger

Noch bis zum März 2028 läuft die Ausstellung mit dem beziehungsreichen Titel „Literatur & Haltung“. © Thomas Dashuber

Konfrontation mit der Vergangenheit: Rachel Salamander eröffnete 1982 ihre Literaturhandlung, damals in der Münchner Fürstenstraße. © Thomas Dashuber

„Rachel Salamander ist seit vielen Jahrzehnten im In- und Ausland als scharf analysierende jüdische Intellektuelle, Publizistin und Literaturwissenschaftlerin aus München bekannt. 2022 überließ sie der Stadt München ihr Archiv, bestehend aus über 1000 Tondokumenten. Mit „40 laufenden Metern Regal mit tonnenweise Dokumenten, Hunderten Musikkassetten und digitalen Speichern, Fotoalben, Gästebüchern und weiterem Material, das zuerst einmal digitalisiert werden sollte“, so beschreibt Kurator Patrick Geiger den Ausgangspunkt der aus dem Material entstandenen Ausstellung „Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv“.

Die sorgfältig aus der überbordenden Materialfülle präparierte Schau in der Monacensia im Hildebrandhaus bietet auf digitaler wie analoger Ebene enorm viel. Optisch orientiert man sich bei der Präsentation offensichtlich an der Einrichtung der Literaturhandlung am Sankt-Jakobs-Platz, Rachel Salamanders Lebenswerk, mit ihrer ikonischen weißen Einrichtung. Die 1982 gegründete Buchhandlung für jüdische Literatur, damals ansässig in der Fürstenstraße, bot vielen Menschen eine geistige wie emotionale Heimat.

„Der Name Literaturhandlung soll ja andeuten, dass hier nicht nur Bücher verkauft werden, sondern dass um die Literatur und durch sie eine Handlung, ein Geschehen in Gang gesetzt wird: Anhand der Bücher soll Kommunikation entstehen“, lautete Salamanders Wunsch.

Das kleine Ladengeschäft, zu jener Zeit das einzige seiner Art in ganz Deutschland, besaß schon bald nach der Eröffnung dank seiner Chefin eine Strahlkraft, die in die ganze Welt hineinleuchtete wie eine Fackel. Nicht nur der Schriftsteller Schalom Ben-Chorin, 1913 als Fritz Rosenthal in München geboren, lobte Rachel Salamander dafür in höchsten Tönen, dass „ausgerechnet in der einstigen Hauptstadt der Bewegung einmal ein solcher Treffpunkt entstehen würde. Dieses Wunder haben Sie vollbracht“, freute er sich.

In der bis zum 31. März 2028 laufenden Ausstellung in der Monacensia kann man ausgiebig stöbern und einiges erfahren über Salamanders energiegeladenes und doch maß- und gehaltvolles Wirken, das viele Jahrzehnte nach dem geistigen Kahlschlag durch das „Dritte Reich“ ein intellektuelles jüdisches Leben wieder in der Stadt wie im Land verankerte. „Ich wollte dem Jüdischen in der nicht-jüdischen Öffentlichkeit einfach Präsenz geben und der jüdischen Erfahrung Relevanz. Das heißt reden, reden, reden und Fremdheitsgefühle abbauen“, erkannte die als Tochter von Holocaust-Überlebenden 1949 in einem Displaced Persons Camp in Deggendorf Geborene sehr klar. In ihrer Literaturhandlung waren sie dann alle zu Gast. Diejenigen, die überlebt hatten wie Rüth Klüger, Grete Weil oder Marcel Reich-Ranicki und die Nachgeborenen wie Lily Brett oder Barbara Honigmann, deren Leben von Leerstellen bestimmt wurde.

Der Blick Salamanders war dabei jedoch nie rückwärts gerichtet, sondern immer nach vorne, aktuelle israelische Autorinnen wie Amos Oz, Batya Gur und Zeruya Shalev kamen ebenso nach München wie Louis Begley oder Maxim Biller. Unter welchen Bedingungen das manchmal stattfand, davon erzählt in dürrem Bürokraten-Deutsch das Protokoll der „Objektbegehung“ und des daraus resultierenden Sicherheitskonzepts des Bayerischen Innenministeriums vor der Eröffnung der Literaturhandlung im Juni 1982. Am meisten erschreckt an diesem Zeitdokument, wie wenig sich bis heute an diesen Bedenken geändert hat.ULRIKE FRICK

Informationen

unter muenchner-stadtbibliothek.de/monacensia-im-hildebrandhaus.

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