Die Unverwüstliche

von Redaktion

Pop-Ikone Cher wird 80 – und ist noch lange nicht fertig

Cher 1987 zu Gast bei „Wetten, dass..?“ © Fischer

Die Pop-Diva bei ihrer Show in Las Vegas. © Glen Pinkerton

Cher bei der MET-Gala Anfang Mai – mit 80 Jahren immer noch ein Gesamtkunstwerk. © Agency People Image USA

Im Grunde wurde alles, was es zu Cher zu sagen gibt, bereits von Cher selbst gesagt: „Es ist ein Scheißjob, Cher zu sein, aber einer muss ihn ja machen“. Cher, als Cherylyn Sarkisian am 20. Mai 1946 geboren, wird sehr, sehr lange nicht ernst genommen. Beeindrucken lässt sie sich davon nie, sondern geht hartnäckig und mit brutaler Selbstironie ihren Weg. Morgen feiert die Pop-Ikone und Schauspielerin ihren 80. Geburtstag.

Es sind unsortierte Verhältnisse, in denen Cher aufwächst, nachdem der spielsüchtige Vater die Familie verlassen hat. Die Mutter heiratet danach sechsmal. Cher lebt zwischenzeitlich bei Nonnen im Kloster (was sie nachhaltig traumatisiert) und flieht mit 16 nach Los Angeles: Sie will Schauspielerin werden. Eher zufällig kommt sie mit dem elf Jahre älteren Sonny Bono zusammen – da ist sie noch minderjährig.

Als Sonny & Cher landen sie 1965 den Monsterhit „I got you Babe“. Cher ist da noch Teenager und wird als Anhängsel von Sonny betrachtet. Sonny ist trotz seines Hippie-Images ein Macho, der Cher nicht allzu nett behandelt, bis die beschließt, ihn zum Teufel zu jagen. Damit ist sie in den Augen der Branche erledigt, aber die Branche irrt.

Solo dreht Cher erst richtig auf und hat in den Siebzigerjahren mit „Gypsys, Tramps and Thieves“, „Half-Breed“ und „Dark Lady“ Nummer-1-Hits – und thematisiert ihr Image als verruchte Außenseiterin. Immer noch wird sie nicht für ganz voll genommen, weiterhin will sie als Schauspielerin arbeiten, findet aber nicht einmal einen Agenten.

Mit der Musik läuft es ab Mitte der Siebziger nicht mehr so gut, sie gilt als Feierbiest, das sich gerne mit jüngeren Männern vergnügt. Als sie in den Achtzigern in Filmen wie „Komm zurück, Jimmy Dean“, „Silkwood“ oder „Die Maske“ auftaucht, sind alle baff – die Frau ist eine sensationelle Schauspielerin. Für „Mondsüchtig“ bekommt sie 1988 den Oscar und raubt den Sittenwächtern den Verstand, als sie bei der Verleihung ein mehr oder minder komplett durchsichtiges Kleid trägt. Zu der Zeit nimmt auch ihre Musikkarriere wieder Fahrt auf, Cher ist plötzlich Mainstream, ihr Album „Heart of Stone“ wird 1989 ein weltweiter Erfolg.

Gleichzeitig bleibt Cher auf Krawall gebürstet, der Erfolg macht sie nicht weich. Als sie 1986 in der legendären „Late Night Show“ bei David Letterman auftritt, fragt der sie, weshalb sie jahrelang alle Einladungen abgelehnt habe, mit einem kurzen „Weil Du ein solches Arschloch bist“. Letterman ist sichtlich angefasst, fragt dann aber geistesgegenwärtig, weshalb es dieses Mal geklappt habe. Antwort: „Ich hatte Schulden bei einem Hotel, die habt ihr bezahlt.“ Bei „Wetten dass …?“ tritt sie in einem Nichts von Netzstrumpfhose auf – Thomas Gottschalk schafft es mit viel Geschick, ihr wenigstens noch eine Lederjacke umzuhängen.

Spätestens als Cher 1998 mit dem Euro-Trash-Albtraum „Believe“ ein triumphales Comeback feiert, fällt ihren Kritikern nichts mehr ein. Cher ist eine Stilikone, eine Frau, die sich holt, was ihr zusteht, die sich anlegt mit allen, die sich lustig machen wollen über jene, die anders sind. So wird sie, eher beiläufig, zur Schutzheiligen aller, die sich missachtet und ignoriert fühlen. Und Cher nimmt den Job an, natürlich. Längst ist sie auch eine mächtige Figur in der Unterhaltungsindustrie, die mit Rekordeinnahmen auf ein Vermögen von mehr als einer halben Milliarde Dollar geschätzt wird. Und – fast noch wichtiger – eine Art unerschütterlicher Kompass, der seit sechs Jahrzehnten in Richtung Selbstbestimmung zeigt. Cher steht zu sich, zu ihren Schwächen, und weiß dabei um ihre Stärken. Wer 60 Jahre im Geschäft ist, hat recht. Und ein, zwei Jahrzehnte liegen noch vor dieser Frau.ZORAN GOJIC

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