Und plötzlich steht die Zeit still

von Redaktion

Das Quatuor Ébène setzte seinen Münchner Beethoven-Zyklus fort

Vier Mitglieder, vier Stradivari-Instrumente, ein Ton: Das Quatuor Ébène spielt in der obersten Liga. © Julien Mignot

Es gibt im Streichquartett keinen Luxus der Unschärfe. Was nicht sitzt, hört man sofort; was gelingt, aber auch. Beim zweiten Abend seines BeethovenZyklus im Prinzregententheater zeigt das Quatuor Ébène, weshalb es in der obersten Liga dieser Gattung spielt. Es geht um Präzision, Klangfantasie und Risiko. Vier Musiker, vier Stradivari-Instrumente, ein Ton. Im Forte wächst daraus bisweilen ein Kammerorchester, satt und glühend, ohne die Durchsichtigkeit zu verlieren.

Ganz makellos beginnt der Abend jedoch nicht. Im A-Dur-Quartett op. 18 Nr. 5 wirkt der Kopfsatz zunächst kantig, nicht jede Linie sitzt sofort im gemeinsamen Puls, klanglich bleibt manches unaufgeräumt. Doch genau daran zeigt sich, was dieses Ensemble so besonders macht. Es korrigiert nicht äußerlich, es findet sich von innen. Der Klang sammelt sich, wird wärmer, runder, zwingender. Bratsche und Cello heizen ihn von unten an, die Geigen ziehen ihn ins Licht. Das ist Beethoven ohne Schlamm an den Schuhen, ohne künstlichen Abgrund: apollinisch, hell, goldorange.

Diese Helligkeit ist keine Harmlosigkeit. Das zeigt das c-Moll-Quartett op. 18 Nr. 4. Die vier machen aus dem düsteren Tonartencharakter kein Theaterdonnern. Sie stürzen sich nicht in die Nacht, sie lassen sie kommen. Über die Wiederholung der Exposition und die Durchführung zieht sich der Himmel langsam zu. Im Finale läuft alles auf der Rasierklinge: Schon das Allegro ist halsbrecherisch schnell, das Prestissimo setzt noch eins drauf.

So wird auch der Schritt zu Opus 127 plausibel, dem ersten der späten Beethoven-Quartette. Nach der Pause steht nicht plötzlich ein anderer Komponist im Raum, sondern derselbe Beethoven in anderer Aggregatform. Der Höhepunkt des Abends: der langsame Satz – elysische Erhabenheit, in der die Zeit stillsteht. Das Publikum hört so konzentriert zu, als dürfe niemand die Luft bewegen. Wenn Cello und erste Geige ineinanderfließen, wenn kleine Zwiegespräche aus dem Gesamtklang treten, entsteht Innigkeit ohne Weihrauch, Heiligkeit ohne Kirchenfenster, Schönheit ohnegleichen. Natürlich ist das kein Musizieren aus dem bloßen Augenblick. Vieles wirkt geplant, ausgezirkelt bis in die kleinste Geste hinein. Aber dieses kalkulierte Sentiment ist großartig. Das einzig Traurige: Erst im November geht der Zyklus weiter.WILLI PATZELT

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