„Verteidigen Sie das, was Sie hier sehen“, fordert Andreas Beck (3. v. li.) das Publikum auf. Gerahmt wird der Intendant von Alexander Eisenach, Nora Schlocker, Claudia Bauer, Elsa-Sophie Jach und Thom Luz (v. li.). © Adrienne Meister
Da ist diese Bühne. Da ist dieser Blick ins Cuvilliéstheater, Münchens Rokoko-Juwel. Und da ist Andreas Beck, Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels. Eigentlich hat er für diesen Mittwochvormittag zur Präsentation seines neuen Spielplans geladen. Darum wird es auch gehen, später. Zunächst treibt den Theatermann anderes um, Grundsätzliches. „Dieser Blick war es uns wert, gezeigt zu werden“, erklärt Beck den ungewöhnlichen Ort der Pressekonferenz, um dann mit der Politik ins Gericht zu gehen: „Wie viele Politiker sehen Sie in Kunstveranstaltungen? Manchmal geht unsere Politik etwas wurstig mit Kunst und Kultur um.“ Seinen Vorgesetzten, Bayerns Kunstminister Markus Blume, nimmt er zwar aus, warnt aber vor einem aufziehenden Sturm.
Manfred Zapatka wird als Shakespeares „Lear“ zu erleben sein
„Wir erleben, wie in Sachsen-Anhalt ein Programm abgespult wird, und wir schauen kaltschnäuzig zu und hoffen, dass der Regen woanders niedergeht“, sagt er mit Blick auf die Landtagswahlen, bei denen die AfD Chancen auf eine absolute Mehrheit hat. „‚Verfassungsfeindliche‘ Buchhandlungen sind offenbar das größere Problem.“ Deshalb haben Beck und sein Team auf die Bühne gebeten. Deshalb ermöglichen sie den Blick in den Saal. „Wir rufen dazu auf, dass wir uns mehr empören. Dass das, was wir hier sehen, nicht von wurstigen Politikern verjuxt wird. Wenn es weg ist, ist es weg.“
Dem setzt das Staatsschauspiel seine ganze Leistungsfähigkeit entgegen. 19 Premieren sind 2026/27 geplant, darunter fünf Uraufführungen. Auf dem Papier liest sich das nach einer sexy Mischung aus Klassikern der Dramenliteratur und aufregenden Neuzugriffen, aus lokalen Perspektiven und internationalen Blickwinkeln. Die erste Premiere findet indes noch im Sommer statt: Wie berichtet, kooperiert das Haus mit den Salzburger Festspielen, wo Ulrich Rasche am 25. Juli auf der Perner-Insel „Faust I“ herausbringt. Nachdem der Stoff nicht mehr verpflichtend an Schulen sei, „müssen wir ihn ins Programm nehmen“, meint Beck und verspricht ein anderes Bühnenbild, als es bei Rasche, dem Großtechniker enormer Laufbänder, drehender Scheiben und walzender Rollen, vielleicht erwartet werde. Für den Mephisto kehrt Valery Tscheplanowa als Gast zurück. München-Premiere am Residenztheater ist am 6. November.
Eröffnet wird die neue Spielzeit am 26. September im Marstall mit einer Uraufführung: Anja Hilling hat sich in ihrem Auftragswerk mit Arthur Schnitzlers „Reigen“ beschäftigt. Ihr „Reigen. Variationen“ wird von Ran Chai Bar-zvi inszeniert. Der Regisseur, 1989 in Jerusalem geboren, hat am Münchner Volkstheater mit seiner beeindruckenden Adaption von „Das große Heft“ sowie „Caligula“ auf sich aufmerksam gemacht. Im großen Haus hat am Tag darauf „Die Dreigroschenoper“ Premiere. Man sei davon ausgegangen, dass der Stoff bis dahin frei vom Urheberrecht sei, berichtet Beck. Allerdings hätten die Anwälte der Kurt-Weill-Foundation aufgrund der Übersetzung durch Elisabeth Hauptmann eine Verlängerung des Urheberschutzes bis 2041 erwirkt. „Wir werden dennoch, soweit es möglich und denkbar ist, das Stück gegen den Strich bürsten“, kündigt der Intendant für die Regie von Philipp Stölzl an.
Manfred Zapatka wird wenige Tage nach seinem 83. Geburtstag als Shakespeares „Lear“ zu erleben sein. Die Inszenierung von Elsa-Sophie Jach kommt am 10. Oktober heraus. Die Hausregisseurin wird im Sommer 2027 außerdem Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“ auf die Bühne bringen. Und ihre Kollegin Nora Schlocker adaptiert den viel beachteten Roman „Bye Bye Lolita“ von Ensemblemitglied Lea Ruckpaul im Cuvilliéstheater (Premiere: 1. Oktober). Schorsch Kamerun, kreativer Querkopf und Sänger der legendären Goldenen Zitronen, kehrt zurück und inszeniert „Bambi“ nach dem Roman von Felix Salten. Die Produktion, die am 21. November im Marstall Premiere hat, sei ein „Musical aus dem Wald und auf Leben und Tod“. Schließlich schrieb Salten unter dem Eindruck der Waisen des Weltkriegs.
Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wird im Oktober 80. Das Residenztheater gratuliert und bringt am 22. Januar ein recht frühes Drama, „Raststätte“ von 1994, auf die Bühne (Regie: Claudia Bauer). Bereits am 5. Juni feiert die Münchner Autorin Kerstin Specht 70. Geburtstag. Fürs Staatsschauspiel hat sie „Zum Sterben schön“ geschrieben; die Uraufführung kommt am 11. April im Marstall heraus. Übrigens: Wenn alles klappt, ziehen dort die Werkstätten Anfang 2027 aus. Thom Luz möchte die Räume danach in einer inszenierten Führung von Goethes „Zauberlehrling“ bespielen. „Mein Traum wäre die 1:1-Betreuung von Zuschauern durch Schauspieler“, sagt er. Es gibt also vieles zu verteidigen.MICHAEL SCHLEICHER