„Die Frau wird krank gemacht“

von Redaktion

Isabel Ostermann inszeniert Verdis „La traviata“ am Gärtnerplatztheater

Kein Ausweg: Alfredo (Matteo Ivan Rašić) und Violetta (Jennifer O’Loughlin). © Anna Schnauss

Die Regisseurin Isabel Ostermann. © Vincent Stefan

Seit 1853 stirbt Violetta Valéry regelmäßig auf den Opernbühnen dieser Welt – und noch immer schaut man dieser Frau, die von allen begehrt wird und am Ende doch allein ist, dabei zu. Doch wieso eigentlich? Am Gärtnerplatztheater inszeniert Isabel Ostermann nun die Neuproduktion von Verdis „La traviata“ – Premiere ist heute Abend. Ein Gespräch über Männerfantasien, Krankheit und die Frage, wie viel Selbstbestimmung einer Frau bleibt, die alle brauchen – aber niemand wirklich schützt.

Violetta hustet, liebt und stirbt. Der Opernfall ist bekannt. Warum lässt uns diese Frau nicht los?

Historisch spielt das in einer Zeit, in der bestimmte Frauenfiguren zu Ikonen werden. Durch Malerei, Literatur, Oper und Bühne zieht sich die Faszination für Femme fatale und Femme fragile: Carmen, Lulu, Salome. Für mich gehört aber auch Violetta in diese Reihe. Sie hat etwas Verrufenes. Um 1850 ist eine Prostituierte auf der Opernbühne ein besonderes Thema. Zugleich ist das eine männliche Perspektive. Männer kreieren diese Frauen, stellen sie auf den Sockel, begehren sie. Sobald Violetta unabhängiger wird, soll sie wieder eingefangen werden. Das ist hochaktuell.

„La traviata“ heißt übersetzt: „Die vom Weg Abgekommene“. Ist sie aber vielleicht weniger verirrt als die Gesellschaft um sie herum?

Das kann man so sehen. Man muss aber fragen: Wie ist sie in dieses Leben gekommen? In der Biografie von Marie Duplessis – gleichsam der „originalen“ Traviata aus Dumas’ „Kameliendame“ – gibt es den prügelnden Vater, die vertriebene Mutter, ein Mädchen, das früh an alte Männer gerät. Sie hatte kaum Chancen. Dann nutzt sie dieses Leben für sich, vielleicht als Rache an dem System, und sagt gewissermaßen: Ich bleibe wenigstens so hoch wie möglich, habe Luxus, gehe in die besten Theater. Alfredo bietet ihr ein anderes Leben an. Aber auch er stellt wieder ein männlich gefertigtes Modell für sie in Aussicht: kleine Hütte, nähen, fast hausmütterlich.

Die Tuberkulose verklärt diese Figur zusätzlich. Wie geht man heute damit um?

Krankheit an sich ist nicht romantisch. Darüber haben wir diskutiert: Wie viel Pathos kann man zeigen? Können wir beurteilen, wie man sich im Sterben verhält? Tuberkulose war damals die Krankheit der sozial Ausgegrenzten, der Armen. Zugleich wurde sie als „weiße Seuche“ in der Kunst aufgeladen. Durch Covid haben wir wieder erfahren, was es heißt, wenn etwas in der Welt ist, das niemand genau benennen kann.

Ist Violettas Tod also auch eine gesellschaftliche Anklage?

Ja. Am Residenztheater hängt gerade dieser Satz: „Menschen sind gut im Wegschauen.“ Den könnten wir genauso benutzen. Diese Frau ist zutiefst erschöpft von ihrem Leben. Viele umgeben sich gern mit jemandem, der ausstrahlt, Kraft gibt, unterhält. Irgendwann ist bei ihr die Energie weg. Man kann das fast als Burnout sehen. Alle haben von ihr profitiert. Sie tröstet andere, wird aber selbst in Situationen gebracht, die ungeheuer viel Kraft kosten.

Ist „La traviata“ für Sie also ein feministisches Stück?

Man kann feministische Erzählweisen finden. Radikaler könnte man sagen: Diese Frau wird von Männern krank gemacht oder krank geredet. Aber wir wollten die Figuren ernst nehmen. Ich möchte auch für Alfredo und seinen Vater Empathie haben. In der Partitur kann ich nachvollziehen, warum sie so handeln. Alfredo werden Informationen vorenthalten. Und auch der Vater ist nicht einfach nur der kalte Patriarch. Er tritt hölzern und brutal auf, aber man kann ihn schon verstehen. Also wollte ich ihn auch nicht einfach abstempeln.

Also eine schön klingende Verklärung von harten Inhalten? Oder anders: Wo liegt dann noch die Schärfe?

Darin, dass Violetta immer wieder gedemütigt und herabgesetzt wird – und sich trotzdem aufrichtet. Im Finale überschüttet Alfredo sie öffentlich mit Geld und sagt im Grunde: Ich bezahle für deine Liebesdienste. Sie ist dann diejenige, die leise beginnt, ihn zu rehabilitieren und auch dem Vater die Würde zurückzugeben. Sie ermöglicht den anderen, gesellschaftlich weiterzumachen. Aber selbst bleibt sie auf der Strecke.

Wie sehr fasst Sie ein solches Werk nach einer so langen Probenzeit am Premierenabend noch an?

Schon sehr. Wir haben sehr intensiv gearbeitet. Und Theater ist ein fragiler Prozess. Bei uns entsteht alles live und vergeht wieder. Wenn ein singender Mensch sich entäußert, ist das immer ungeheuer berührend. Irgendwann kann ich die Figuren sogar kaum noch von den Menschen trennen, die sie verkörpern. Und ganz besonders natürlich bei Figuren wie Violetta. Das macht so eine Premiere sehr persönlich.

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