Der Koloss am Saxofon

von Redaktion

Sonny Rollins, die letzte Legende des Jazz, ist mit 95 Jahren gestorben

Ein melodischer Improvisator, dessen Fantasie sich auch am banalsten Song schier endlos entzünden konnte: Sonny Rollins in den Siebzigern auf der Bühne und im Jahr 2005. © Tom Copi/Getty Images, Universal Music

Als er am Nikolaustag 2008 sein letztes München-Gastspiel gab, zitierte Sonny Rollins in der Philharmonie beinahe obsessiv das von Marlene Dietrich berühmt gemachte „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Rollins tat das gern, es war eines seiner Markenzeichen: in seine Improvisationen auf dem Tenorsaxofon – gern auch jazzferne – Zitate einzuflechten, an denen sich seine melodische Fantasie in schier endlosen Variationen abarbeiten konnte.

Das Talent des am 7. September 1930 als Theodore Walter Rollins im New Yorker Stadtteil Harlem Geborenen wurde früh entdeckt. Sein kraftvoller, dabei warmer und runder Ton (der in späteren Jahren an Schärfe und Kantigkeit gewinnen sollte) und die rhythmisch ungewöhnlich akzentuierten Linien fielen auf im damaligen Bebop-Milieu. Mit 18 stand er erstmals im Studio, mit 21 machte er die ersten Aufnahmen, die unter seinem eigenen Namen erschienen. Rollins war 26, als er das Album aufnahm, dessen selbstbewusster Titel ihn seine ganze Karriere begleiten sollte: „Saxophone Colossus“. Das passte nicht nur zu der hünenhaften Körpergröße des Mannes. Überhaupt die Albumtitel: Rollins’ bereits einen Monat früher entstandene, einzige dokumentierte Begegnung mit seinem Antipoden John Coltrane hieß „Tenor Madness“. 1958 schuf er mit „Freedom Suite“, seinem Kommentar zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung, einen Meilenstein des Trio-Jazz – dass ein Saxofonist ohne Harmonieinstrument, nur von Bass und Schlagzeug begleitet, spielte, galt damals als revolutionär.

1959, als er sich bereits ein festes Kapitel in den Jazz-Geschichtsbüchern erspielt hatte, zog sich Rollins für zwei Jahre aus dem Musikgeschäft zurück. Sein Horn aber spielte er fast täglich – auf der Williamsburg Bridge, die Manhattan und Brooklyn verbindet. Gegen Verkehrslärm und Wind arbeitete er an seinem Ton, mit dem er nicht zufrieden war. Rollins‘ Selbstkritik war beinahe zwanghaft, kaum ein Interview, in dem er nicht davon sprach, dass er sich verbessern müsse, mit dem Erreichten nicht zufrieden sei.

1962 kehrte er mit dem Album „The Bridge“ – seit einigen Jahren bemüht sich eine Bürgerinitiative um die Umbenennung der Williamsburg Bridge in „Sonny Rollins Bridge“ – auf die Szene zurück, die er 1969 noch einmal für zwei Jahre komplett verließ, um sich die meiste Zeit Yoga- und Meditationsstudien in Indien zu widmen. Diesmal hieß sein Comeback lakonisch „Next Album“ und war auch nicht weiter bemerkenswert. Rollins versuchte, seine Musik nun zeitweise an die Fusion-Mode anzupassen, ähnlich wie er es in den Sechzigerjahren halbherzig mit freieren, harmonisch ungebundenen Formen versucht hatte. Im Herzen blieb Rollins immer ein melodischer Improvisator, dessen Fantasie sich auch am banalsten Song schier endlos entzünden konnte. Berühmt wurden seine bis zu 20 Minuten langen Solo-Kadenzen in seinen Konzerten, zu deren festen Bestandteilen seit den Siebzigerjahren auch ein Calypso gehörte, den Rollins leidenschaftlich liebte. Wohl nicht zufällig ist seine bekannteste Komposition nach der Karibikinsel „St. Thomas“ benannt.

Rollins war ein Musiker, den man, vielleicht mehr als jeden anderen im Jazz, auf der Bühne erleben musste, um seinen Genius, seine ungebändigte Musikalität erfassen zu können. Im Studio blieb er in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig unter seinen Möglichkeiten. Im Konzert aber waren die Vitalität und der Erfindungsreichtum seiner Improvisationen unwiderstehlich. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich an ein Konzert 1988 im New Yorker Club Bottom Line, bei dem am Tisch vor ihm der ganz anders ausgerichtete Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman saß, erkennbar bewegt. Und einige Jahre zuvor war am gleichen Ort Mick Jagger so begeistert, dass er Rollins überredete, am nächsten Stones-Album „Tattoo You“ mitzuwirken. Aufgetreten war der Saxofonkoloss, auf den sich alle einigen konnten, seit 2012 nicht mehr, und zuletzt hatte er immer stärkere Atemprobleme.

Nun ist das Horn des „Saxophone Colossus“ für immer verstummt. Sonny Rollins starb am 25. Mai mit 95 Jahren in Woodstock.REINHOLD UNGER

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