Ein Star sprengt alle Grenzen: Cecilia Bartoli erinnert an ihre Jugend(-sünden). © M. Rittershaus
Würden wir noch in der Ära des Barock leben, hätte längst einer der großen Meister eine Oper für Cecilia Bartoli komponiert. So, wie es einer der berühmtesten Diven ihrer Generation ohne Zweifel zustehen würde! Aber nachdem dies bislang versäumt wurde, schreitet die quirlige Italienerin einfach selbst zur Tat. Zu ihrem bevorstehenden runden Geburtstag hat sich die erfolgreiche Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele mit „Ciao, bella ciao“ ein biografisches Revue-Opernmusical gebastelt, das alle Grenzen sprengt und das Publikum in Ekstase versetzte.
Zunächst ist da im Großen Festspielhaus alles wie immer. Bartoli mit pompösem Federkopfputz im Farinelli-Kostüm und Koloraturen am laufenden Meter strickend. Dann stürmt ein Fernsehteam die Bühne, das zu ihrem Sechzigsten ein Porträt dreht, um den Menschen hinter dem Star vorzustellen. Und schon sind wir zurück im Rom der frühen 1970er. In der Cucina des Elternhauses, wo Sugo di Pomodoro nach Familienrezept zubereitet wird, während Cecilia zu den fetzigen Platten ihres Jugendidols Rita Pavone tanzt. Und dies umringt von nicht minder quirligen Chorus-Girls und Chorus-Boys.
Spätestens da wird selbst den Letzten im Saal klar, dass man keine gewöhnliche Operngala erlebt. Der Abend ist zwar ein Geburtstagsgruß an die große Virtuosin. Gleichzeitig aber ebenso eine Hommage an ihre Geburtsstadt Rom, an ihre Familie und an die Kraft der Musik. Mit einem wilden Mix aus Klassik, Italo-Schlager, Swing und einer Prise Eurovision Song Contest. Aber wenn jemand so etwas machen kann, dann Cecilia Bartoli! Genau wie bei ihren Belcanto- und Barock-Ausgrabungen hat sie sich auch hier nur mit Menschen umgeben, die ihre Leidenschaft bedingungslos teilen. Angefangen beim musikalischen Leiter Yvan Cassar, der souverän zwischen Lucio Dalla, Bellinis „Casta Diva“ oder einer „Carmen“ im Flamenco-Arrangement pendelt. Und das Team rund um Regisseur Davide Livermore und Choreograf Klevis Elmazaj weiß eh, wie man eine Show im großen Broadway-Stil aufzieht.
Aufgelockert durch Erinnerungen an den ersten TV-Auftritt mit 19, der genauso mit Selbstironie gewürzt wird wie das zitternde Vorsingen bei Maestro Karajan oder ihre erste Plattenaufnahme in Berlin bis zum Tag des Mauerfalls, zu dem das Ensemble David Bowies „Heroes“ anstimmt. Darauf ist man nach Händels „Lascia la spina“ ebenso wenig gefasst wie auf Bartolis „Sound of Music“-Einlage als jodelnde Maria von Trapp. Aber gerade deswegen amüsiert man sich umso königlicher, wenn sie mit „Volare“ ihre Flugangst bekämpft und dann doch lieber mit dem Ozeandampfer nach New York aufbricht: im Celine-Dion-Rüschen-Outfit zur Melodie von „My Heart will go on“.
Dazwischen gewährt die Erzkomödianten sehr persönliche Einblicke. Wenn sie mit einer traurigen Morricone-Ballade an ihren verstorbenen Bruder erinnert. Oder wenn sie „la voce della Mamma“ in einer „Traviata“-Plattenaufnahme abspielen lässt, begleitet vom Jubel für die 90-jährige Silvana Bazzoni-Bartoli, die im Parkett gerührt die Ovationen entgegennimmt. Gewicht haben aber nicht zuletzt die Erinnerungen an Cecilia Bartolis Großvater, der im Widerstand gegen Mussolinis Faschisten aktiv war. Ihm zu Ehren wird die Partisanen-Hymne „Ciao, bella ciao“ angestimmt, die dem Abend nicht ohne Grund den Titel gab. Denn wie Nonno Dino ihr mit auf den Weg gab: „Die Stimme ist nicht immer nur zum Singen da, sondern auch dafür, uns zu erinnern!“ Und das ist la Bartoli mit diesem authentischen Selbstporträt meisterhaft gelungen.TOBIAS HELL