„Es braucht uns nicht mehr ewig als Band“, sagt Campino, Frontmann der Toten Hosen. © Paul Ripke/Arte
Die Toten Hosen bringen an diesem Freitag ein Studioalbum heraus. „Trink aus, wir müssen gehen!“ soll ihr letztes sein. Die anstehende Tournee ist bereits ausverkauft. Ist das wirklich das Ende der Hosen nach über 40 Jahren? Frontmann Campino (63) spricht unter anderem darüber.
Ihr habt Euch nach „Laune der Natur“ neun Jahre Zeit gelassen für das neue Album, so lange wie noch nie. Was ist da passiert?
Ich habe nicht das Gefühl, dass wir faul waren. Wir hatten eine Unplugged-Tour geplant, die leider wegen Corona ausfallen musste. Ich habe in dieser Zeit das Buch „Hope Street“ geschrieben. Als kleine Fingerübung haben wir auch noch ein Cover-Album eingespielt: „Learning English Lesson 3: Mersey Beat!“ Wenn ich mir überlege, dass wir fürs nächste Album auch wieder neun Jahre brauchen würden, dann wäre ich in den 70ern, das mag ich mir nicht vorstellen. Deshalb ist auch dieses Gefühl in uns, dass dies die letzte Scheibe ist. Sollte uns noch ein Stück einfallen, von dem wir das Gefühl haben, das muss jetzt unbedingt raus, dann können wir das ja immer noch bringen. Aber dass man sich noch mal auf ein ganzes Album einlässt, das wird auf keinen Fall passieren.
Aber die Band löst sich nicht auf und die Tournee ist nicht die letzte, oder doch?
Wann das letzte Konzert gespielt wird, haben wir noch nicht bestimmt. Wir können uns gar nicht auflösen, weil wir eine Verabredung auf dem Düsseldorfer Südfriedhof haben, wenn es mal mit uns in die Kiste geht. Die Frage ist nur, wie lange will man diese Freundschaft auf einer Bühne zelebrieren. Wir sind immer schon mehr gewesen als die Musik oder als das, was die Leute von uns wahrnehmen. Und das bleibt. Es braucht uns nicht mehr ewig als Band in der Öffentlichkeit.
Viele Musiker haben schon ihren Rücktritt vom Rücktritt erklärt. Wie groß ist die Chance, dass es vielleicht doch noch ein weiteres Album gibt?
Uns gibt es jetzt bald 45 Jahre, da sollte man uns wenigstens die Ernsthaftigkeit unserer Überlegungen abnehmen und dass das nicht leichtfertig ist, was wir da entschieden haben. Wir sind da auch nicht euphorisch darüber. Wir glauben einfach nur, dass es richtig ist. Wir sind jetzt alle Ü60, nächstes Jahr im Sommer werde ich 65. Ob wir das wahrhaben wollen oder nicht: Das ist wahrscheinlich das Betreten des letzten großen Lebensabschnitts. Ich finde, das sollte man annehmen und nicht verleugnen. Der andere Aspekt ist: Wir haben unsere Zeit sehr intensiv gelebt, und alles hat seinen Preis. Viele Freundschaften konnten deshalb nur so halbwegs gepflegt werden. Das Umfeld hat dich nicht zu Gesicht bekommen in manchen Phasen. Da will man ja auch noch mal seine Prioritäten anders setzen. Ich freue mich wirklich über das, was wir da hinterlassen, aber es war auch eine Kraftanstrengung.
Die Sorge angesichts des Rechtsrucks der Gesellschaft klingt aus mehreren Stücken. Bekommt Ihr den auch persönlich zu spüren?
Nein, weil ich Kommentare im Netz über mich grundsätzlich nicht durchlese. Aber ich weiß, dass es die gibt. Da brauche ich mir keine Sorgen machen, dass ich in der Hinsicht vergessen werde. Aber es muss das gesagt werden, was man empfindet. Wer auch immer da applaudiert oder nicht. Es geht auch gar nicht darum, sich zu überlegen, was halten die Leute von mir, sondern es geht darum, dass man als Bürger dieses Landes versucht zu retten, was zu retten ist. Und da ist Wegducken nie unsere Parole gewesen.
Rückblickend betrachtet, gibt es einen schönsten Moment in jetzt 44 Jahren Toten Hosen und was würdet ihr anders machen, wenn ihr könntet?
Die Frage ist zu schwer für mich, wir haben wirklich viele wunderbare Dinge erlebt, aber es gab auch schlechte und schlimme Erfahrungen. Für mich ging es mit den Hosen immer um Begegnungen, darum, mit den anderen das Privileg zu haben, die Welt zu entdecken und dann die Menschen dort zu treffen. Das war für mich das Schönste. Die Konzerte waren eigentlich nur Mittel zum Zweck. Es ist ein Unterschied, ob man ein Land als normaler Tourist besucht oder ob man auch etwas zu geben hat. Wir haben immer zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug in den Ring werfen können. Das ändert sofort alles.
Wie stellt man sich das Rentnerdasein der Toten Hosen vor? Wird man Euch demnächst bei den Rheinterrassen auf der Parkbank sehen?
Keine schlechte Idee. Die Sache mit der Rente ist komplizierter, weil wir ja eigentlich keine richtigen Rentner sind, da wir es ein Leben lang geschafft haben, uns an einem ordentlichen Beruf vorbeizudrücken. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich noch mal das ein oder andere Buch schreibe. Da gibt es viele Möglichkeiten. Langeweile wird nicht aufkommen.