Einer der einflussreichsten Museumsbauten befindet sich im Berliner Bezirk Kreuzberg. © Hans Scherhaufer
Räume voller Bedeutung: Blick ins genial verwinkelte Jüdische Museum. © Martin Foddanu, Yves Suchsdorf
Erstmals wurde hier der Zivilisationsabbruch des Holocaust in die Formensprache eines Gebäudes übersetzt. Es handelt sich um ein Gebäude, das mitten in Berlin steht, nämlich das Jüdische Museum im Bezirk Kreuzberg. In diesen Tagen feiert es sein 25-jähriges Bestehen – und zwar mit der Ausstellung „Between the Lines“ zur Entstehungszeit und zur Architektur des genialen Zickzack-Baus des amerikanischen Architekten Daniel Libeskind.
Im Sommer 1989 hatte er den Architekturwettbewerb für den Erweiterungsbau des damaligen Berlin-Museums gewonnen. Anhand von Jury-Abstimmungen des West-Berliner Senats und vor allem von Zeichnungen und Modellen des Architekten dokumentiert die Ausstellung, wie zur Zeit der Wende einer der einflussreichsten Museumsbauten entstanden ist. Eine noch rein West-Berliner Entscheidung. Mit Mauerfall und Wiedervereinigung wurde zwar kurz noch einmal über die Realisierung des Projektes diskutiert, das blieb aber zum Glück ohne Wirkung. Das Jüdische Museum ist das erste von Libeskind entworfene Gebäude, das gebaut wurde.
Zu sehen sind jetzt Zeichnungen Libeskinds, Architektur-Modelle, eine Dia-Schau vom Ablauf des Baus zwischen 1994 und 1999, ein von Libeskind erstellter Bauplan, dem literarische Zitate beigefügt sind. Und zwar von Dichtern, die für sein Konzept maßgeblich waren, unter anderen Heinrich von Kleist, Paul Celan, Heinrich Heine, Rahel Varnhagen von Ense, E.T.A. Hoffmann und Walter Benjamin. Das weist auf die Gattung „Schreibende Architekur“ hin. Sie geht auf den französischen Philosophen Jacques Derrida (1930-2004) zurück. Mit dem Ausstellungstitel „Between the Lines“ zitiert Daniel Libeskind Derridas „Grammatologie“. Wie in einer Vitrine zu bestaunen ist, beschreibt Libeskind hier auf Notenpapier seine Vorstellung eines zukunftsorientierten Museums für Berlin, nämlich zwischen den Zeilen.
Diese Ausstellung trägt dazu bei, den gesamten Museumsbau noch einmal neu zu betrachten. Die Räume der Leere etwa. Dort haben die Abwesenden, Verschollenen und Ermordeten ihren Raum. „Die Leere steht für das, was nicht mehr da ist“, formuliert es Miriam Goldmann, die Kuratorin der Schau. Das Abwesende sichtbar zu machen, gehöre zu Libeskinds Grundgedanken. So bedeutet hier auch dieses „Between the Lines“, dass sich zwischen den Dingen, zwischen den Worten und Informationen immer noch ein Raum befindet, der voller Bedeutung sein kann.
Dass sich das unmittelbar im Museum selbst praktisch überprüfen lässt, darf als großes Glück empfunden werden. 25 Jahre Jüdisches Museum: ein bemerkenswertes Jubiläum. Und es passt wunderbar zum 80. Geburtstag, den Daniel Libeskind am 12. Mai in Berlin feiern konnte. SABINE DULTZ
Bis 1. November,
Di.-So. 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Berlin, Lindenstraße 9-14.