„Wie mutig wir waren!“

von Redaktion

Die Sportfreunde Stiller über 30 wechselvolle Jahre und ihr neues Album

Sportfreunde durch dick und dünn: (v. li.) Florian Weber, Rüdiger Linhof und Peter Brugger bleiben stabil. © Marcus Schlaf

Die Sportfreunde Stiller schweben gerade auf Wolke sieben. Nach einem triumphalen Konzert in der Olympiahalle zu ihrem 30-jährigen Jubiläum erscheint an diesem Donnerstag ein Dokumentarfilm in der ARD-Mediathek über die Geschichte des Trios. Die war beileibe nicht immer so positiv wie die Hits „Applaus, Applaus!“, „Wunderbaren Jahren“ oder „Ein Kompliment“. Im Interview erinnern sich die Sportis daran und erzählen von ihrem neuen Album „Happy Birthday, das am 12. Juni erscheint.

Wie war es, für den Dokumentarfilm zum 30-Jährigen in alten Filmaufnahmen und Fotos zu kramen?

Peter Brugger: Es hat unglaublich Spaß gemacht. So viel fast Vergessenes, wo wir uns gefragt haben: Wann war das denn noch mal? Ach ja, zu der Zeit hattest Du ja dauernd dieses T-Shirt an.

Florian „Flo“ Weber: Auch wie wir gesprochen, wie wir teilweise Interviews gegeben haben! Zwischen hochtrabend und unterstem Niveau. Einmal hat uns der Journalist ermahnt, uns endlich mal zusammenzureißen.

Rüdiger „Rüde“ Linhof: Man sieht diese ganzen Lebensphasen: unsere Leichtigkeit am Anfang, aber auch, wie mutig wir waren. Viele hatten mit Mitte 20 ihr Studium abgeschlossen. Wir sind ohne jede Hilfe auf Tour gefahren, haben als Spüler an der Bar gearbeitet.

Peter: Es hätte auch in die Hose gehen können.

Rüde: Hätte es. Aber wenn ich heute in unsere fröhlichen Gesichter von damals sehe, dann denke ich mir: Ach, irgendwie geil. Unsere coole Haltung hat’s möglich gemacht. 30 Jahre, und wir stehen immer noch da.

Welche Rolle spielt dabei Eure Freundschaft?

Flo: Es ist eine intensive Freundschaft, die über all die Jahre gewachsen ist, aber auch auf den Prüfstand gestellt wurde.

Peter: Wir haben das große Glück, dass wir zwei Sachen haben, die uns verbinden. Die Musik und dass wir Menschen mögen. Andere hätten zwischendurch mal kapituliert.

Bis zum WM-Song 2006 ist Eure Karriere steil bergauf gegangen. Wusstet Ihr damals, wie Euch geschieht?

Peter: Gefühlt ging’s ja nicht so schnell, am Anfang war es ziemlich zäh. 2002 hatten wir ein geiles Level: Wir haben auf Festivals nachmittags gespielt. Da wurde nicht so viel von einem erwartet, aber es war ne Menge los, und man konnte sich anschließend…

Flo: …besaufen… (alle lachen)

Peter: …die anderen Bands anschauen!

Der Film zeigt die Entstehung von „‘54‚ ‘74, ‘90, 2006“ – von Flos Idee beim Bundesliga-Schauen bis zum Fest mit der Nationalmannschaft am Brandenburger Tor. Und wie irritiert Ihr nach der ersten Euphorie wart.

Flo: Wir wurden nach der Fußball-Platte nur noch auf dieses Thema reduziert, die Leute haben Deutschland-Fahnen auf unseren Konzerten geschwenkt. Da hatten wir das Gefühl, wir müssen uns davon sofort wieder distanzieren und ein reflektiertes Album machen. Wir wurden hektisch.

Rüde: Und plötzlich war der Spaß weg, die Erwartungen haben uns erschlagen.

2017 seid Ihr ratlos auseinandergegangen, weil Peter ausgebrannt war. Ein Entschluss, mit dem die anderen gehadert haben.

Flo: Das war tatsächlich ein Tiefpunkt. So undurchsichtig die musikalische Situation während unserer langen Pause war, so war auch unser Verhältnis in der Zeit. Aktuell fühle ich: Wir haben die beste Zeit zusammen, besser, als sie vielleicht je zuvor war. Wahrscheinlich dank der Pause.

Rüde: Man muss durch solche Phasen gehen. Es wird einem nichts geschenkt. In der Musik nicht und nicht im Miteinander. Man muss zuhören, aufeinander eingehen.

Peter: Es waren drei Jahre, in denen wir kaum Kontakt hatten. Wir haben uns ja vermisst, aber wir wussten nicht, wie man da wieder andocken kann. Dann haben wir uns vorsichtig wieder angenähert.

Rüde: Nach dem Motto: Ich stell ihm mal eine Falle – lacht er drüber oder ist er sauer? (lacht)

Flo: Oder zieht er gleich des Schnacklmesser raus?

Wie war es, wieder zusammen zu spielen?

Peter: Wir mussten die Akkorde erst im Internet nachschauen.

Rüde: Ein YouTube-Tutorial über unser eigenes Lied.

Peter: Aber es war krass, wie schnell das Sportfreunde-Gefühl wieder im Raum war.

Wie fühlt es sich an, wenn Harald Krassnitzer oder Joko Winterscheidt erzählen, wie Eure Musik sie berührt?

Peter: Es ist schon unglaublich, das zu hören. Auch von Nicht-Prominenten. Dass unsere Lieder Menschen so viel bedeuten, das macht das alles so groß.

Joko sagt, Ihr würdet unterschätzt. Habt Ihr auch das Gefühl?

Peter: Ich bin halt ein unterschätzter Gitarrist. (lacht) Zu Recht.

Rüde: Vieles hat sich auch entwickelt. Früher waren wir wahrscheinlich schwer zu greifen. Deutsche Musik mit optimistischen Texten, die Fußball-Thematik…

Flo: Ingo Schmoll von MTV hat mal gesagt, es gibt kein Genre für die Sportfreunde, die sind ihr eigenes Genre. Das trifft’s.

Euer neues Album „Happy Birthday“ klingt wieder ganz typisch nach Euch. Habt Ihr genug von Veränderung?

Flo: Wir haben ja an sich schon viele Facetten. Punk, Ballade oder was „Beastie Boys“-Artiges. Aber uns war schon wichtig: Nach 30 Jahren soll es recht klassisch werden.

Rüde: Wir sind nur gut, wenn wir akzeptieren, was wir sind.

Heute herrscht allgemeiner Pessimismus. Eure positive Art ist da wie ein Gegengift. Ist sie das, ein Statement?

Flo: Wir bemühen uns tatsächlich, Lieder über die Schattenseiten und das Am-Boden-Liegen zu schreiben. Aber erst wenn der letzte Satz des Textes dich wieder aufrichtet, sind wir glücklich.

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