Der magische Funke

von Redaktion

Eine nostalgische Reise: McCartneys Album „The Boys of Dungeon Lane“

Die Jugendjahre im Blick: Paul McCartney, fotografiert von seiner Tochter Mary McCartney. © Universal/MPL

Wenn wir uns auf der Reise unseres Lebens dem Ende nähern, vergessen wir oft Dinge, die heute Mittag passiert sind oder vergangene Woche. Deutlich präsent ist uns dafür das, was wir als Kinder erlebt haben. Neurobiologen können das mit den stabilen, jahrzehntelangen Verknüpfungen im menschlichen Gehirn erklären. Paul McCartney womöglich noch mit etwas anderem. Mit einem magischen Funken, der sein Leben von da an begleitete. Denn in seiner Kindheit haben sich Verknüpfungen gebildet, die nicht nur für seine weitere Reise bestimmend sein sollten, sondern für uns alle, die wir Pop lieben. Alles nahm seinen Anfang im Viertel rund um die Dungeon Lane in Liverpool.

Futter für die Legendenbildung

„Die Jungs von der Dungeon Lane“ hat der 83-Jährige sein 20. Solo-Album genannt. Die erste Single, die wehmütige Akustikballade „Days we left behind“, handelte von diesen alten, für immer eingegrabenen Verknüpfungen. Sie ließ eine sentimentale Rückschau erwarten – und tatsächlich ist das hier eine nostalgische Dreiviertelstunde mit 14 Songs. „Mein ganzes Leben ist ein offenes Buch, tretet ein in meinen Kopf“, lockt Paul uns im Stück „Come inside“.

Schließlich weiß er, dass seine Erinnerungen von öffentlichem Interesse sind, Futter für die Legendenbildung. „Down South“ erinnert an frühe Tramping-Touren mit George Harrison. „It was a good way to get to know you“ („Es war eine gute Art, dich kennenzulernen“), singt diese so prägende Stimme des 20. Jahrhunderts, die zwar Risse bekommen hat, aber immer noch warm tönt. Bei „Home to us“ spielt dann Ringo Starr Schlagzeug – und teilt sich mit Paul das Mikrofon, zum allerersten Duett der beiden Ex-Beatles. Die Instrumente spielte McCartney ansonsten allesamt selbst.

Ein Fest für Fans also. Aber natürlich hat McCartney es nicht nötig, Erwartungen zu erfüllen. Er ist ein Künstler mit Anspruch an sich selbst. Seine Erinnerungen sind zunächst einmal Privatsache, nicht alles läuft auf die Beatles hinaus – und nicht alles ist angenehm.

Darum erwischt er uns erst mal genüsslich auf dem falschen Fuß: Das Eröffnungsstück „As you lie there“ beginnt zwar typisch mit lyrischem Gitarrenzupfen, und Paul erzählt, wie er des Nachts am Fenster der Angebeteten vorbeiläuft und ihre Silhouette betrachtet. Dann aber nimmt der Song eine merkwürdige Wendung. Er wird zu einem von Produzent Andrew Watt dick aufgeschäumten Hardrocker, und McCartney ruft bedrohlich: „Komme ich dir je in den Sinn?“ Alles mündet in einem Schrei – ist das etwa die Geschichte eines Stalkers? Nein, nein, beschwichtigte Macca neulich bei einer Vorstellung des Albums. Es gehe um ein Mädchen aus der Nachbarschaft, für das er als Bursche schwärmte.

Ein bisschen Vergangenheitsbewältigung ist also schon auch dabei. Paul wurde während des Zweiten Weltkriegs geboren, und diese entbehrungsreiche Zeit schildert er im dramatischen „Salesman Saint“, das er seinen Eltern gewidmet hat. „Es ist heute schon schwer genug, ein Baby großzuziehen“, erklärte er. „Aber stell dir vor, du müsstest ständig damit rechnen, dass Bomben fallen.“ Gegen Ende des Songs meint man den Swing der Glenn Miller Band zu hören, der bei McCartneys aus dem Radio quakte.

Auch anderswo ist die Musik mindestens so sehr wie der Text Transportmittel der Erinnerung. In „Never know“ hören wir das Mellotron aus „Strawberry Fields forever“ und die Flöten aus „Fool on the Hill“. „Life can be hard“ könnte ein alter Musical-Standard aus der Feder von Richard Rodgers sein, so schlüssig ist er komponiert – doch auch hier sehen wir Michelle förmlich über die Penny Lane tänzeln. McCartney betonte, wie wichtig Produzent Watt für das Entstehen des Albums war. Der hat eh ein Händchen dafür, betagte Rocker aus der Reserve zu locken, etwa die Rolling Stones, deren LP am 10. Juli erscheint. Paul nennt ihn bei fünf Liedern zwar nicht als Co-Autor, bescheinigt ihm aber „Contributions“.

Irgendwann ist mal gut mit der Nostalgie

Der eingängigste Song des Albums, „Ripples on a Pond“, klingt denn auch ganz und gar nach zeitgenössischem Pop (klar: Der klingt ja immer auch nach den Beatles). Und manches Stück ist auch keine Erinnerung, sondern ein konstruiertes Kaleidoskop: „Mountain Top“ handelt von einem Hippie-Mädchen, mit dem der Erzähler psychedelische Pilze einwirft: „Now we’re really tripping!“ So viel Freiheit nimmt der Senior sich – am Ende des Liedes lässt er es noch mal ordentlich krachen. Und in der abschließenden Ballade „Momma gets by“ liebt die Mutter ihren Mann, obwohl er ein arger Versager ist und sie die Familie durchbringt. Wenn das völlig autobiografisch wäre, wäre es zumindest neu.

So zeigt uns Paul McCartney auf dieser warmherzigen, melodiösen und geschmeidigen Rückschau noch einmal, was er kann, nicht unbedingt alles, wie es war. Aber irgendwann ist es auch mal gut mit der Nostalgie: „Der Lauf der Zeit lässt jeden Moment zählen“, singt der 83-Jährige in „Lost Horizon“. „Lebe im Jetzt!“ Der magische Funke aus der Dungeon Lane, er ist noch nicht verglommen.JOHANNES LÖHR

Paul McCartney:

„The Boys of Dungeon Lane“ (MPL/Capitol Records).

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