Hier singen die Königinnen

von Redaktion

Premiere im Deutschen Theater: Lucy Moss und Toby Marlow über ihr Musical „SIX“

Höchst lebendig sind die teils geköpften Ex-Frauen von Heinrich VIII. Ihre Vergangenheit feiern sie nun als wilde Girl Group. © Pamela Raith, Kayt Webster, Moja

„Geschieden, geköpft, gestorben! Geschieden, geköpft, überlebt!“ Dieser Spruch wird britischen Schulkindern seit Generationen eingeimpft. Als beliebte Eselsbrücke, um sich das jeweilige Schicksal der sechs Ex-Frauen von König Heinrich VIII. zu merken. Doch dabei wollten es Toby Marlow und Lucy Moss nicht belassen. Ihr Erfolgsmusical „SIX“, das demnächst im Deutschen Theater Station macht, lässt die Königinnen selbst zu Wort kommen und ihre Seite der Geschichte erzählen.

Konzipiert wurde die Show 2016 fürs Edinburgh Fringe Festival. Wie hätten Sie damals reagiert, wenn Ihnen jemand gesagt hätte, dass „SIX“ zehn Jahre später ein globales Phänomen mit Inszenierungen auf vier Kontinenten sein würde?

Toby Marlow: Wir wären geschmeichelt gewesen, hätten die Leute aber wahrscheinlich für verrückt erklärt. Um ehrlich zu sein, fühlt sich der Erfolg selbst heute oft noch ziemlich surreal an.

Musicals wurden lange als große Spektakel betrachtet. In jüngster Zeit war aber wiederholt zu erleben, dass kleine Off-Produktionen wie „SIX“ zu Publikumsrennern wurden. Ein Trend mit Zukunft?

Lucy Moss: Es gibt viele spannende Ideen, die in der Off-Szene entwickelt werden. Aber ich denke, es ist Platz für beides. Für Big-Budget-Shows genauso wie für kleinere Stücke, die Potenzial haben, größer zu werden. Da ist das Spektrum heute deutlich breiter.
Toby Marlow: Das gilt übrigens auch für die Menschen, die Musicals schreiben. Da gibt es die großen etablierten Namen, deren Shows man sich automatisch ansieht. Aber durch Festivals wie das Edinburgh Fringe bekommen auch neue junge Stimmen eine Chance, ihre Geschichten zu erzählen. Und das finde ich unglaublich aufregend.

Die großen Blockbuster müssen fast zwangsläufig auf ein möglichst breites Publikum zielen. Ist man in der Off-Szene automatisch freier und dadurch vielleicht sogar authentischer?

Toby Marlow: Als wir „SIX“ geschrieben haben, dachten wir zuerst an das, was uns selbst und unserem Freundeskreis Spaß machen würde. Gleichzeitig will man aber trotzdem auch mit einem Thema oder einem skurrilen Konzept herausstechen, um Theatern aufzufallen, die diese Show dann hoffentlich produzieren.

Mit der Idee, die sechs Ex-Königinnen zur diversen Girl Group zu machen, ist das gelungen. War das Casting unabhängig von Hautfarbe und Herkunft immer Teil des Konzepts?

Lucy Moss: Da „SIX“ als eine Art Pop-Konzert entstanden ist, ging es uns nie um eine historisch korrekte Darstellung. Die Show ist auch ein Statement über patriarchale Machtstrukturen, wie sie bis heute existieren. Deshalb ist es uns wichtig, die Rollen so zu besetzen, dass sie alle Frauen und auch queere non-binäre Personen in unserer Gesellschaft repräsentieren. Das Publikum muss die Königinnen nicht so sehen, wie sie auf ihren Porträts gemalt wurden. Es reicht, wenn man das Gefühl hat, die sechs besten Sängerinnen der Welt auf der Bühne zu erleben.
Toby Marlow: Und das werden die Leute definitiv! Unsere Truppe hat so viel Talent, dass es fast schon unheimlich ist. Vor allem die Mitglieder, die gleich mehrere Rollen covern. Wenn wir noch in der Tudor-Zeit leben würden, dann würde man sie wahrscheinlich der Hexerei bezichtigen. (Lacht.)

Beim Schreiben der Songs dienten einige der großen Pop-Diven unserer Zeit als musikalische „Queenspiration“. Wie viele Freiheiten hat Ihr Ensemble da noch?

Lucy Moss: Auf den Proben ermutigen wir alle, sich einen Popstar als persönlichen Referenzpunkt zu suchen. Aber das müssen nicht zwangsläufig die Sängerinnen sein, die wir im Kopf hatten. Denn Individualität ist ein wichtiger Teil der Show.

Online findet man viele junge Fans, die sich inspiriert von „SIX“ mit dem Leben der Königinnen beschäftigen. Freut Sie dieses neue Interesse an Geschichte?

Toby Marlow: Es wäre schön, wenn das tatsächlich so wäre. Aber vor allem wollten wir den Menschen zeigen, dass es immer unterschiedliche Perspektiven gibt, sich den Dingen zu nähern, und man Quellen immer kritisch hinterfragen sollte. Das gilt heute mehr denn je.

Vorstellungen

vom 2. bis 14. Juni;
deutsches-theater.de.

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