Seine produktivsten Jahre verbrachte James Krüss (1926-1997) in München. © Internationale Jugendbibliothek
Autor bei der Arbeit: Blick in die Ausstellung. © IJB
Perfekte Aussicht: Der Krüss-Turm der Blutenburg wurde frisch renoviert. © Internationale Jugendbibliothek
Unbekümmert, charismatisch, naturnah: Schriftsteller und Kinderbuch-Autor James Krüss lebte zunächst auf Helgoland und übersiedelte dann nach Bayern. © Conrad Piepenburg
Bis zum Alter von 16 Jahren lebte der Schriftsteller und Kinderbuch-Autor James Krüss auf Helgoland. Aber die Insel wird auch viele Jahrzehnte danach ein entscheidender Bezugspunkt für ihn bleiben. „Es gibt ganz bestimmte Motive, ganz bestimmte Figuren und Orte, die sich durchziehen vom Frühwerk bis zum Tod“, skizziert Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg, das Schaffen von Krüss. „Trotzdem ist das Helgoland, das er in Büchern wie seinen Erinnerungen oder in ,Der Leuchtturm auf den Hummerklippen‘ als Sehnsuchtsort beschreibt, nicht das seiner eigenen Jugend. Eher jener Kindheit seiner Großeltern, bei denen er aufwächst. Denn als Krüss in die Schule kam, war die idyllische Insel schon vom Nationalsozialismus und einer massiven Militarisierung geprägt.“
Großes Fest an diesem Sonntag
Seine produktivsten Jahre als Autor verbrachte der Insulaner Krüss, der am 31. Mai 100 Jahre alt werden würde, allerdings fernab der hohen See in München. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“, „Mein Urgroßvater und ich“, „Henriette Bimmelbahn“ oder „Der Sängerkrieg der Heidehasen“, der von Wagners „Tannhäuser“ inspiriert wurde. Alle entstanden sie in München oder genauer gesagt in Gilching. Denn so mitten in der turbulenten Großstadt hielt es der Naturbursche Krüss nie lange aus. Im Freien fühlte er sich wohler. Grund genug für das Team der Jugendbibliothek, dem Jubilar und besonders seiner Zeit in Bayern eine Ausstellung zu widmen – um neuen Generationen die liebenswerten Geschichten voller kauziger Charaktere und fantastischer Poesie näherzubringen.
An diesem Sonntag wird dazu ein großes Fest im zauberhaften Innenhof von Schloss Blutenburg gefeiert. Mit vielen Gästen und Weggefährten von Krüss, aber auch mit allen interessierten Kindern wie Erwachsenen. Zusätzlich gibt es eine Ausstellung zu Ehren von Krüss im frisch restaurierten Schlossturm. In fünf Schaukästen, den sogenannten „Lebensbühnen“, werden die wichtigsten Stationen im Leben von Krüss illustriert, kombiniert mit den in jener Phase entstandenen Werken. Neben der Kindheit auf Helgoland ist das beispielsweise die Vagabundenzeit unmittelbar nach Kriegsende. Krüss, der als 17-Jähriger in die NSDAP eintrat und in den letzten Kriegsmonaten noch an der Front kämpfte, hat sich im Gegensatz zu Otfried Preußler und vielen anderen schon sehr früh und stets klar von der NS-Ideologie distanziert. Doch erst in diesen Wochen unmittelbar nach der Stunde Null, als der gerade volljährige Krüss mit dem Fahrrad durch Deutschland radelte, erfährt er von den grauenhaften Verbrechen der Nazis. „Er habe an einen Götzen geglaubt“, versucht er später eine Erklärung.
In München lernt er Erich Kästner kennen, der zu einem wichtigen Förderer des jungen Mannes wird. „Er muss sehr charismatisch gewesen sein. Groß, blond, blauäugig und dazu mit einer offenen Unbekümmertheit, die ihm viele Herzen zufliegen ließ“, sagt Raabe. Doch die mögliche Entdeckung seiner in der Öffentlichkeit verschwiegenen Homosexualität hat ihn sein Leben lang belastet. In den Sechzigern gestaltet und moderiert James Krüss eine eigene TV-Sendung für Kinder. Er arbeitet mit Udo Jürgens und Komponist Christian Bruhn zusammen, schreibt, malt, dichtet, ehe er sich im Alter gemeinsam mit seinem spanischen Lebensgefährten in ein Häuschen auf Gran Canaria zurückzieht.
Die Ausstellung im Krüss-Turm von Schloss Blutenburg ist sehr durchdacht mehrdimensional erlebbar – und funktioniert mitsamt Audioguide für Kinder wie Erwachsene auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Maximal acht Personen dürfen gleichzeitig in den schmalen Bau, um auch wirklich alle Exponate ausgiebig von allen Seiten und in Ruhe bestaunen zu können. Aber ohne zu viel zu verraten: Auch wenn die Schlange einmal lang sein sollte – das Warten lohnt sich, um ausführlich in den herrlich bunten, friedlichen Kosmos des James Krüss einzutauchen.ULRIKE FRICK
Informationen
unter 100jahre.jameskruess.de.