Die nordirische Schriftstellerin Maggie O’Farrell erzählt vom Landvermesser Tomas, der spurlos verschwindet und völlig verändert wieder auftaucht. © Dasha Denditna
Die damals neuartige Kartoffelfäule war schuld daran, dass zwischen 1845 und 1849 in Irland über eine Million Menschen, über zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung, starben. Weitere zwei Millionen Menschen wanderten in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus, vorwiegend in die Vereinigten Staaten von Amerika. Die gleichgültige bis desinteressierte, offiziell wirtschaftsliberale Politik des sogenannten „Laissez-faire“ der britischen Besatzungsmacht linderte die Versorgungsengpässe nicht. Sie vergrößerte nur die Not der irischen Bauern, die knapp drei Viertel der irischen Bevölkerung stellten. Man hat die entkräftete Bevölkerung einfach wissentlich verhungern lassen.
In der Phase unmittelbar nach dieser verheerenden „Irish Potato Famine“ setzt die Handlung von Maggie O‘ Farrells Roman „Land“ ein. Die 1972 in Nordirland geborene Schriftstellerin, vielfach preisgekrönt, ist in Deutschland durch ihren bewegenden Roman „Judith und Hamnet“ (2020) bekannter geworden, der die Grundlage für den Anfang des Jahres im Kino gestarteten, mittlerweile mit zwei Golden Globes und einem Oscar-prämierten Spielfilm „Hamnet“ von Chloé Zhao bildete. In Buchvorlage wie Film geht es um die Trauer des Ehepaars Shakespeare um ihren einzigen Sohn Hamnet. In „Land“ sind nun so viele Tote zu beklagen, dass das Gedenken an sie ein ganz anderes Gewicht erhält. Die über Generationen weitergetragenen Erinnerungen ihrer eigenen Familie an diese schreckliche Zeit, so erzählte O’Farrell in einem BBC-Interview, haben sie zu „Land“ inspiriert. Vielleicht berühren einen die tiefe Verzweiflung, aber auch die flammende Wut über die damaligen Ereignisse deshalb so unmittelbar.
Im Mittelpunkt dieser reichhaltigen, alle Sinne berührenden Geschichte stehen der Landvermesser Tomas und sein zu Beginn der Handlung zehnjähriger Sohn Liam. Auf einer windumtosten Halbinsel im äußersten Norden kartografieren sie für die britische Regierung das verlassene Land. Eine emotionslose und zahlenbasierte Angelegenheit, sollte man annehmen. Liams Vater ist der Einzige in der Gegend, der sowohl die Sprache der Einheimischen versteht als auch die der Engländer. Der Einzige, der nicht nur ein bisschen lesen, schreiben und rechnen kann, sondern eine fundierte Schulbildung hat. Tomas verschwindet eines Nachmittags spurlos. Der Kleine macht sich allein auf den Rückweg zur Pension, in der er mit dem Vater untergekommen ist. Erst am nächsten Tag greift ein Suchtrupp den völlig veränderten, seltsam verwirrten Tomas wieder auf. Dem verunsicherten Kind fällt nun die Aufgabe zu, die Karten fertigzustellen. Doch sein Vater wird nie mehr derselbe sein wie vor jenem Nachmittag, was drastische Folgen für den Rest der Familie hat.
Maggie O’Farrell trifft mit ihrem magisch-verrätselten und dennoch bisher politischsten Roman immer den richtigen Ton, genau mittendrin zwischen fesselnd, empathisch und nüchtern-abwägend. Dabei wechselt sie die Zeiten und Erzählstränge, streift als Vogel durch die Lüfte und nimmt die Gerüche von Sumpf und Unterdrückung gleichermaßen wahr. Sie bleibt ihrem zentralen Thema jedoch in aller Schärfe und Behutsamkeit gleichermaßen treu. Liza Marshall, die Produzentin von „Hamnet“, soll sich bereits die Filmrechte gesichert haben. Zu Recht.ULRIKE FRICK
Maggie O‘Farrell:
„Land“. Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen und Kathrin Razum, Piper Verlag, München, 576 Seiten; 26 Euro.