MÜNCHEN-PREMIERE

Sex mit doppeltem Boden

von Redaktion

Jovana Reisingers „Enjoy Schatz“ läuft jetzt an den Kammerspielen

Sucht den Weg nach selbstbestimmtem Leben und Lieben: „die fiktive Schriftstellerin“ (Nadège Meta Kanku). © Armin Smailovic

„Die Schriftstellerin“ und ihr Geschöpf, das der Polly-Pocket-Muschel entsteigt: Jovana Reisinger (re.) und Nadège Meta Kanku. © Armin Smailovic

Wagen wir den Perspektivwechsel: Was wäre, wenn ein Mann den Roman „Enjoy Schatz“ verfasst hätte? Jovana Reisinger schildert autofiktional, wie eine Autorin versucht, über „Hingabe, über Begehren und Liebesfähigkeit“ zu schreiben. „Über Geld, Klasse und Sehnsucht, Authentizität und Lüge und das Schreiben an sich.“ Doch ihr kommt das Leben dazwischen mit seinen Frustrationen in Bett und Beruf. Dann wird mitunter derb abgerechnet mit den Lebensabschnittsgefährten, ob aus dem Bett oder dem Beruf. Vielleicht würde dem Autor sein Werk um die Ohren gehauen. Wegen des Liebe-Sex-und-Zärtlichkeit-Duktus? Eventuell. Vor allem aber, weil auf scharfe Formulierungen nicht immer scharfe Gedanken folgen. Weil nicht jeder Ego-Trip zugleich Empowerment bedeutet. Weil es eine Binse ist, dass entspannter in den Tag startet, wer morgens masturbiert. Und Rache-Geschichten – echt jetzt, Schatz?! In der Therese-Giehse-Halle der Kammerspiele, wo die Bühnenadaption am Donnerstag München-Premiere hatte, gab es nach gut 90 Minuten Jubel und Standing Ovations.

Sarah Kohm hat die Uraufführung an der Berliner Schaubühne inszeniert; Premiere war vor zwei Jahren. Jetzt hat die Regisseurin gemeinsam mit Reisinger eine Fassung für deren Heimatstadt erstellt. Die Autorin, Jahrgang 1989, konstruiert im Roman ein Vexierspiel. Da gibt es Spiegelungen und Doppelbödiges, eine auktoriale Erzählerin, die ihr Leben zu Text macht – oder ist es umgekehrt? Doch eilt die Form von „Enjoy Schatz“ der Funktion voraus. Der Fassung gelingt es zu selten, wirkliches Interesse an der Figur zu erzeugen. Kohm scheint das gespürt zu haben und greift beherzt auf die Tonspur zu – die hörenswerten Sounds von Lenny Mockridge bauen die emotionale Schiene. Auch der gesellschaftliche Diskurs bleibt auf der Strecke: Die Frage, wie die Suche von weiblich gelesenen Figuren nach sexueller und künstlerischer Selbstbestimmung im patriarchalen Kapitalismus aussehen kann, endet zu oft in der Beschreibung des Ist-Zustands. Schade.

Ausstatterin Lena Marie Emrich hat eine große Polly-Pocket-Muschel auf die Bühne gebaut. Die bunten Figürchen und Welten werden vom US-Konzern Mattel hergestellt und sind beliebtes Spielzeug, vorrangig von Mädchen. Dass „Muschel“ zugleich als Synonym fürs weibliche Geschlechtsorgan taugt, ist ein Scherzchen, das man bereits anno dunnemals als Pennälerhumor abgetan hätte. Wurscht, denn die Riesen-Welt ist eine wunderbare Bühne für Nadège Meta Kanku. Die Schauspielerin gibt die Hauptfigur, die von „der Schriftstellerin“ ersonnen wurde. „Du bist eine Version von mir“, erklärt sie ihrem Geschöpf.

Reisinger spielt sich selbst und eröffnet den Abend als Mix aus Lesung und Vortrag über den Literaturbetrieb, bevor Nadège Meta Kanku der Muschel entsteigt und sich ein Dialog entspinnt: Der sieht meist so aus, dass „die Schriftstellerin“ ihre Kreatur informiert, animiert, anherrscht, anweist und beurteilt. Kohm inszenierte diese Duette als möglichst temporeiches Sätze-Pingpong. Dabei spricht es für Reisingers Mut, dem Vergleich mit der gelernten Schauspielerin nicht aus dem Weg zu gehen. Dass ihr die Meinung der anderen gleichgültig ist, zeigt sich zudem daran, wie massiv sie ihr Schaffen bewirbt: Ihre drei Romane erwähnt sie ebenso (inklusive Verlag und Erscheinungsjahr), wie sie den nächsten für Februar ankündigt und signalisiert, dass sie für Folgeaufträge bereit sei. Ja, selbst einen Hinweis auf die Inszenierung ihres Buchs „Spitzenreiterinnen“, die nebenan im Marstall des Residenztheaters läuft, bringt sie unter. Im Foyer gibt es derweil das Shirt zum Stück zu kaufen. Ist das noch Theater oder schon eine PR-Show? Auch das: egal.MICHAEL SCHLEICHER

Nächste Vorstellungen

am 5., 9. Juni sowie am 2., 28. und 29. Juli; Telefon 089/233 966 00.

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