Leonie Klein spielt in der Sparkasse. © Mozartfest/Belke
Eröffnungskonzert im Kaisersaal mit dem Mozarteumorchester unter Antonello Manacorda. © Dita Vollmond
Fünf Minuten in der Kellerkabine sollen reichen. Also Kopfhörer auf und still genießen, während sich Wohlklingendes den Weg durch Ohrmuscheln, Trommelfelle, Gehörgänge bahnt. Wahre Schönheit, wenigstens kommt sie von innen. Und wer beim Blick in den Spiegel noch immer erschrickt, kann sich in der Kabine nebenan ausstaffieren. Mit Brille und anderen Accessoires aus der Mozartzeit. „Studio für Mozart“ nennt sich der Pop-Art-Store in der Theatergasse 8, eine Dauer-Installation. Gemäldedrucke mit üppigen Barockleibern gibt es zu sehen, aber auch eine schräge Collage von Schlagzeugerin Leonie Klein, ein Bild, aus dem Schmolllippen quellen.
Zwei Tage ist das Mozartfest Würzburg erst alt, und wohl selten ist ein Motto so eifrig diskutiert worden. Wer oder was also ist schön? „Beschworene Schönheit: Idol Mozart“, das Thema trifft mitten hinein ins Wespennest des Wolferl-Missverständnisses. Der durfte für viele nur Göttergenie sein, das Apollinisches hinterließ. Edel Gearbeitetes, gern mit geschlossenen Augen genossen. Doch schon am Eröffnungsabend macht Dirigent Antonello Manacorda diesem Klischee den Garaus. Die Noten zu Mozarts 40. Symphonie liegen auf den Pulten des Salzburger Mozarteumorchesters. Und im Kaisersaal tönt es wild, entfesselt, konfrontativ, überrumpelnd. Ist das schön? Unbedingt. Erst recht Prokofjews zweites Violinkonzert zuvor. Das wird gespielt von Tianwa Yang, diesjährige Residenzkünstlerin, beim Mozartfest heißt so etwas traditionell „Artiste étoile“. Die gebürtige Chinesin spielt mit erlesenem Ton, stufenlos gepegelter Intensität und einer Energie, die nie forciert klingt. Weltklasse ist das. Überhaupt der ganze Abend, der mit Ravels „Le tombeau de Couperin“ beginnt. Manacorda und das Mozarteumorchester tasten sich behutsam und mit Noblesse in die heikle Akustik hinein. Am 29. Juli, 18.03 Uhr, ist das Konzert nachzuhören auf BR Klassik.
Vier Wochen lang erkundet das Mozartfest die Facetten der Schönheit und ihre Kehrseiten. Nicht nur mit fehlverstandenen Deutungen von Mozarts Werken hat das zu tun. Obgleich Intendantin Evelyn Meining vor drei Jahren, als sie das Motto festlegte, zunächst darauf zielte. Doch auch „die brutale Glätte des Optimierungswahns“ hat sie im Visier. Und da sind wir, mehrere Krisen und Kriege weiter, im dunklen Heute. „Alle unsere Motti haben bald eine merkwürdige Aktualität erreicht.“ Will in diesem Fall heißen: Schönheit auch als Fluchtort, als Beschwörung von etwas, das uns gerade sehr fehlt. „Wir wollen mit unserem Festival auch die Schönheit des Lebens feiern.“
Seit 2013, als Evelyn Meining das Mozartfest übernahm, hat sich inhaltlich einiges getan. Was nicht heißt, dass da eine Intendantin nur Thesenpapiere schwenkt. Aber ein Festival, das alle möglichen Künstlerinnen und Künstler wie im Kultur-Supermarkt feilbietet, ein Mozart-Aldi, so etwas ist mit ihr nicht zu haben. Auch 2026 ist da diese enorme Spannbreite, vom klassischen Konzert über die Nachtmusik im stimmungsvollen Residenzgarten und der „Musik zur Mittagszeit“ bis zu Vorträgen und Diskussionen im Rahmen des „Mozart-Labors“. Und dann gibt es noch die „Hauskonzerte“: Bürgerinnen und Bürger öffnen Wohnzimmer, Gärten, Balkone und Terrassen.
„Irgendwas machen wir richtig“, sagt Evelyn Meining, und das ist gar nicht eitel gemeint. 93 bis 95 Prozent Platzausnutzung meldet man. Der Jahresetat liegt bei knapp 3,2 Millionen Euro. Das eigene Einspielergebnis ist also hoch, doch trotzdem ist alles (zu) knapp dimensioniert. Mit gerade einmal achteinhalb Stellen wuppt das Team die vier Wochen inklusive großem Vorlauf. Vergleichbare Festivals mit weniger Zuspruch haben eine bessere Ausstattung, Evelyn Meining nennt ein paar Namen. So etwas wurmt sie einfach.
Die Besucherinnen und Besucher an Tag zwei sind allein aus praktischen Gründen nicht zu zählen. Auf neun Bühnen in der Altstadt steigen 53 Kurzkonzerte, alle gratis. Die Sinfonia Würzburg eröffnet das Spektakel im Innenhof des Rathauses, natürlich mit Mozart, mit der Ouvertüre zum „Don Giovanni“. Zehn Gehminuten weiter und 30 Minuten später klammert das Violinduo „Cantabile“ vor der Kirche der Erlöserschwestern die Noten an den Ständern fest, ein warmer Wind pfeift durch den Innenhof. Piazzolla folgt hier auf Mozart, da klatscht es auch an den Tischen im benachbarten Café.
Wieder sieben Gehminuten weiter, im Atrium der Sparkasse, sitzen 50 Gäste und warten. Schlagzeugerin Leonie Klein hat sich verspätet, sie ist „Artiste d’avenir“ des Festivals, eine Künstlerin der Zukunft also. Irgendwann ist ihr Trommeln auf der Gasse zu hören, sie kommt mit dem Lastenfahrrad. Was dann folgt, ist weniger ein geschlossenes Musikstück, sondern ein faszinierendes Erkunden der Instrumente mit Schlegeln, Fäusten und Fingerkuppen. „Rock me Amadé“ steht auf ihrem schwarzen T-Shirt, selbstverständlich benutzt man in Würzburg Mozarts korrekten zweiten Vornamen. Nicht nur Konzerttickets gibt es also beim Mozartfest. Ein weiteres Shirt, rote Schrift auf weißer Baumwolle, wird von den Organisationskräften besonders gern getragen, es ist eine Kampfansage an den großen Bruder per Amadé-Zitat: „Salzburg ist kein Ort für mein Talent.“MARKUS THIEL