Komponieren verleiht Flügel

von Redaktion

Tenor Daniel Behle und seine Operette „Der Schmetterling“ über Bayreuth

Eine „heitere, überdrehte und satirische Geschichte“ verspricht Daniel Behle. Seine Operette „Der Schmetterling“ wird am 10. Oktober uraufgeführt. © Marco Borggreve

Die Hotelglotze anschalten, sich von einer Shoppingsendung berieseln lassen. Oder eine Dose Bier öffnen, auch das wäre in einsamen Nächten nach Operngastspielen eine Option. Bei Daniel Behle kann das schon vorkommen. Doch der Mann, im Erstberuf gefragter Tenor, nimmt sich häufiger leeres Notenpapier vor, wahlweise ein entsprechendes Computerprogramm. Und dann komponiert er. Lieder, Kammermusik, einmal hat Behle schon beim Musiktheater zugelangt: Die Operette „Hopfen und Malz“ wurde 2023 mit großem Erfolg uraufgeführt, der Zweitling folgt jetzt: „Der Schmetterling“ – aus der Taufe gehoben wird das Stück wieder im schnuckeligen Theater von Annaberg-Buchholz im Erzgebirge, und zwar am 10. Oktober.

Weniger um Raupen und Puppen geht es Behle dabei, sondern um Bayreuth. Er selbst hat 2017 bei den Festspielen als David in den „Meistersingern“ debütiert und ist seitdem regelmäßig auf dem Grünen Hügel zu Gast, im oft irrwitzigen Zentrum der Wagner-Welt. Komponieren als Traumabewältigung also? „Sicher nicht“, sagt Behle. Es gehe gar nicht in erster Linie um Bayreuth. „Aber es sind Anspielungen vorhanden, die als Liebesbrief gedacht sind. Und natürlich mache ich mich auch ein bisschen lustig – aber mehr über unser gesamtes Business.“

Und dann geht es los, ein Dammbruch an Informationen: Wer Behle auf aktuelle Werke wie den „Schmetterling“ anspricht, sieht sich einem Erzähl-Tsunami ausgesetzt, Operetteninhalt inklusive. Verraten werden soll davon eigentlich nichts, nur so viel: Die Sache ist nicht nur komisch, sondern hat auch Hintergrund. Ähnlich wie bei „Hopfen und Malz“, wo es zwar ums Reinheitsgebot ging, aber eben noch um die Ehrung des echten Handwerks. Auch beim „Schmetterling“ ziehen Behle und sein Librettist, der Schweizer Schriftsteller Alain C. Sulzer eine Meta-Ebene ein.

Thema ist unter anderem das, was (nicht nur) Künstlerinnen und Künstler umtreibt: das Ersetztwerden durch Künstliche Intelligenz. Das geht los im „Schmetterling“ mit einem Festspielleiter, dessen Werke unaufführbar sind, weshalb es unter anderem zu einem toten Tenor im Garten kommt. Und reicht bis zu einer dystopischen Endzeit, wo Kunst und Kultur überhaupt kein Thema mehr sind. Trotz der ernsten Probleme, die da gewälzt werden, verspricht Behle eine „heitere, überdrehte und satirische Geschichte“.

Eine Geschichte also wie er selbst. Behle liebt schrägen Humor und lebt ihn auch aus. Deshalb das Genre Operette: „Sie ist für mich ein Statement dafür, dass man auf das Leben mit Humor gucken sollte. Einfach, weil es immer absurder wird.“ Was die aktuelle Musik betrifft, ist Behle da allerdings fast allein auf weiter Werkflur. Oder wo und von wem wurde zuletzt eine komische Oper uraufgeführt? Für den singenden Partiturenschreiber hat das viel mit der Ausbildung zu tun. „Die Komponisten haben alle ähnliche Studienerfahrungen wie ich gemacht“, sagt Behle. „Wenn man Humor verlernt, weil er einem abtrainiert wird und weil er angeblich nicht erfolgreich ist, dann wird einem Witziges nur mit Mühe gelingen.“ In der Gesangszunft gehört der gebürtige Hamburger und Wahl-Basler zu den Umtriebigsten. Behle glaubt zum Beispiel noch ans Medium Platte. Fast zwei Dutzend Alben hat er teils selbst produziert, ein neues, „Kings of Bravura“ mit Arien der Mozart-Zeit, hat er gerade aufgenommen. Und da ist noch der Fachwechsel: Eigentlich wurde Behle als lyrischer Tenor sozialisiert, doch immer mehr drängt es ihn zu Wagner. Den Stolzing in den „Meistersingern“ hat er gerade in Stuttgart gesungen, Parsifal und Tannhäuser hat er sich vorgenommen – wobei die schweren Helden, ganz alte Schule auch das, neben weiteren Mozart-Einsätzen passieren sollen.

„Ich werde immer ein bunter Fisch bleiben, weil mich alles sonst zu sehr langweilt“, meint Behle. „Ich habe mich schon immer mit Sachen aufgehalten, mit denen ich nicht gleich großen Erfolg hatte.“ Einfach mal ausprobieren, das sei ihm wichtig. „Es gibt bei mir einen Widerwillen, sich an den Mainstream anzuschließen.“ Dass Kollegen mit drei, vier gefragten Partien durch die Opernwelt tingeln und ihr Geld verdienen, findet Behle absolut legitim. „Aber ich kann das nicht.“ Deshalb auch die Zweitkarriere als Komponist. „Hopfen und Malz“ wurde schon nachgespielt, das Münchner Gärtnerplatztheater ziert sich noch. Und Ideen für die Zeit nach dem „Schmetterling“ gibt es auch schon. Eine „Space-Operette“ wäre doch witzig, findet Behle. Oder ein Ein-Personen-Stück. Das Problem nur: „Ich mag einfach die Opulenz.“MARKUS THIEL

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