Kollege statt Maestro

von Redaktion

Generalmusikdirektor der Staatsoper: Petr Popelka steht für einen neuen Dirigententyp

Lahav Shani, ab Herbst Chef der Münchner Philharmoniker, war wie Petr Popelka Kontrabassist. © Sven Hoppe

Petr Popelka, derzeit Chef der Wiener Symphoniker und wohl ab 2029 an der Bayerischen Staatsoper. © Peter Rigaud

Diesen Namen hatte kaum einer auf dem Zettel. Drei Tage, nachdem durchgesickert war, dass Petr Popelka mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Generalmusikdirektor (GMD) der Bayerischen Staatsoper wird, ist die Überraschung noch immer groß. Zwar ist nichts unterschrieben, die Entscheidungsträger hüllen sich offiziell in Schweigen. Doch alles deutet darauf hin, dass der gebürtige Tscheche 2029 Nachfolger von Vladimir Jurowski wird.

Die Verblüffung hält auch deshalb an, weil die Staatsoper damit Abschied nimmt von der Politik der Promis und der glamourösen Namen. Popelka fällt völlig aus der Reihe, wenn man an die GMDs des Hauses denkt: Zubin Mehta, Kirill Petrenko, Wolfgang Sawallisch und so weiter. Wie zu hören ist, geht die Personalie zurück auf Intendant Serge Dorny. Der hatte während seiner Zeit an der Oper Lyon einen ähnlichen Plan, als er den jungen Daniele Rustioni als Musikdirektor holte – und ihn später neben Vladimir Jurowski zum Ersten Gastdirigenten der Bayerischen Staatsoper machte. Die Idee, die dahintersteckt: keine der vielfach gehandelten Namen verpflichten, sondern sich befreien aus dem üblichen Personalkarussel. Das signalisiert Aufbruch – und ist zugleich riskant.

Wobei: Die Blitzkarriere von Petr Popelka, Jahrgang 1986, hätte ihn irgendwann an eine A-Stelle geführt. Der ehemalige Kontrabassist (unter anderem Staatskapelle Dresden) entschied sich zwar erst vor zehn Jahren endgültig fürs Dirigieren. Doch schnell bekam er Chefpositionen, dazu auch Gast-Einladungen zu den renommiertesten Klangkörpern: Berliner Philharmoniker, Chicago Symphony Orchestra, Gewandhausorchester Leipzig, Anfang Juli kommt er zu den Münchner Philharmonikern. Das spricht für ziemlichen Ehrgeiz – und, mindestens ebenso wichtig in der Szene, für eine starke Künstleragentur.

Münchens städtisches Orchester verfolgt übrigens ein ähnliches Chefmodell. Lahav Shani, Jahrgang 1989 und ab Herbst an der Spitze der Philharmoniker, war wie Popelka Kontrabassist. Zwei Führungspersonen also mit Orchestervergangenheit. Und wer sich in den jeweiligen Ensembles umhört, ob im Falle Popelka oder Shani, erfährt immer dasselbe: Die Kollegialität dieser Pultmänner wird gelobt, ihre Zugewandtheit, ihre Empathie, ihr Verständnis für die Orchesterbelange. Nett reicht freilich nicht: Beide verfügen auch über entsprechendes Handwerk. Doch Interpretation heißt bei diesen Dirigenten nicht aufpfropfen und durchsetzen, sie verstehen ihr Geschäft – trotz starkem Ego – als Geben und Nehmen.

Beliebt beim Publikum und in den Orchestern

Popelka ist nicht nur am Pult aktiv. Bei den Wiener Symphonikern hat er zum Beispiel die „Hör-Bar“ mitentwickelt, ein kleines, feines Format, in dem er Musik vorstellt, sie am Kontrabass oder Klavier spielt und darüber spricht. Der gebürtige Prager gehört damit zur jüngeren Künstlergeneration, die um die Probleme der sogenannten klassischen Musik weiß, dies aber nicht nur beklagt, sondern auch abseits des traditionellen Podiums handelt.

Wie beliebt Popelka in Wien ist, zeigen die besorgten Äußerungen nach der jüngsten Münchner Entwicklung. Immer wieder ist von der Donau zu hören und in den Sozialen Netzwerken zu lesen: Man wolle Popelka keinesfalls verlieren, falls er Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper wird. Seine Wiener Chefstelle trat Popelka im Herbst 2024 an, der Vertrag läuft vorerst für fünf Jahre – bis zum möglichen Amtsantritt in München also. Denkbar bleibt, dass Popelka danach doppelgleisig fährt. Auch Vladimir Jurowski hat neben seinem Posten als Staatsopern-GMD die Chefstelle beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Was Popelka allerdings fehlt: ein umfangreiches Opern-Repertoire. Er ist keiner, der sich über die Ochsentour des Korrepetitors und Opernkapellmeisters an die Spitze hochgearbeitet hat, er kommt vom Symphonischen. Trotzdem fällt auf, dass er an Renommierhäusern wie Berlin, Wien, Zürich und Dresden schon Filetstücke des Musiktheaters dirigiert hat. Popelka könnte dieses Defizit folglich schnell aufholen, bis 2029 bliebe außerdem etwas Zeit. Die Zürcher holen ihn im kommenden Jahr zum Beispiel für eine Wiederaufnahme von Verdis „Don Carlo“.

Noch sei nichts in trockenen Tüchern, wird in München betont. Man gibt sich bedeckt, weil die Unterschriften unterm Vertrag fehlen. Ein Restrisiko demnach. Fest steht: Relativ bald waren Promis wie Joana Mallwitz, Thomas Guggeis oder Daniele Rustioni aus dem Rennen, vor einem Kandidaten wie Pablo Heras-Casado hatte sich mancher sogar gefürchtet. Sollte also Petr Popelka noch vor den Sommerferien offiziell als Jurowski-Nachfolger präsentiert werden, wäre das vor allem eines: ein Coup.MARKUS THIEL

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