Die Trauerfeier für den Seniorchef könnte eine Pflichterfüllung sein – doch plötzlich brechen Fronten auf: Szene mit Gerhard Wittmann und Isabel Mautes. © Leonid Levi Zimmermann
Die Menschen im Saal scharf kritisieren, ihnen gnadenlos einen Spiegel vorhalten – und trotzdem stehen am Ende alle begeistert auf und applaudieren? Schwer vorstellbar, aber dem Autorenduo Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob gelingt dieses Kunststück mit ihrer Komödie „Kalter weißer Mann“ nach dem inzwischen sogar verfilmten Stück „Extrawurst“ ein weiteres Mal überraschend gut. Erneut schaffen es die beiden, im launig-satirischen Ton innerhalb eines nur zweistündigen Theaterabends praktisch alle heiklen Themen anzusprechen, die zwischen Mann und Frau sowie Alt und Jung im Augenblick für Streit sorgen: Gendern, Wokeness und Diversität, Veganismus und Work-Life-Balance, #MeToo und Political Correctness. Regisseurin Katharina Schmidt hat diesen rasanten Schlagabtausch in der Komödie im Bayerischen Hof mit einem tollen Ensemble mit viel Schwung in Szene gesetzt.
Zwei Stunden mit hoher Gag-Dichte
Nach wenigen pointierten Sätzen, in denen Betriebsleiter Horst Bohne (wunderbar in seiner feinen Präzision: Gerhard Wittmann) die Rede zu Ehren seines mit 94 Jahren endlich verstorbenen Chefs immer wieder neu beginnt, wird klar: Dem Patriarchen Steinfels weint niemand eine Träne hinterher. Bis zum letzten Tag hielt der Seniorchef die Zügel fest in der zittrigen Hand. Schurigelte seinen Stellvertreter Bohne, belästigte die weiblichen Angestellten und wehrte sich gegen jede Art von Neuerung in seiner Trikotagen-Firma.
Die Trauerfeier rund um die Urne könnte also eine Pflichterfüllung sein, nach der es dann endlich bergauf geht für Bohne, Steinfels‘ langjährige Sekretärin Rieke Schneider (Isabel Mautes), die beflissene Praktikantin Kim (Anna Drózd) und die ehrgeizige Abteilungsleiterin für Onlinemarketing und New Development Alina Bergreiter (Kim Bormann) nebst devotem Social-Media-Mann Kevin Packert (Benedikt Paulun). Doch noch bevor die Veranstaltung begonnen hat, bricht eine schier unüberwindbare Kluft zwischen den Gästen der Beerdigung auf. Schuld ist die Beschriftung der Satinschleife am größten Kranz. „In tiefer Trauer. Die Mitarbeiter“ steht darauf.
„Geht gar nicht“, empört sich die Onlinemarketing-Chefin Alina. „Wieso, fehlt ein Komma?“, erkundigt sich die deutlich ältere Sekretärin Frau Schneider. „Nein, aber ein Geschlecht“, erwidert die Jüngere. „Sprache schafft Realität“, erklärt sie und lässt Bohnes halbherziges „Die Frauen sind doch mitgemeint“ nicht gelten. Bei der Anrede „die Mitarbeiterinnen“ fühle er sich ja auch nicht „mitgemeint“, schnappt sie zurück, und schon sind die Figuren mittendrin in der brisanten Auseinandersetzung, was darf, muss, soll Sprache heutzutage ausdrücken.
Bemerkenswert ist an diesem geschickt konstruierten Stück mit seiner extrem hohen Gag-Dichte, wie die Meinung des Publikums klug von den Altherrenwitzen Bohnes über seine aus der Perspektive eines konservativen älteren Mannes womöglich sogar berechtigten Einwände bis zu den Argumenten der drei jungen Mitarbeitenden der Unterwäsche-Firma gelenkt wird. Ebenso berechtigt sind auch deren Argumente. Auf die Frage der Praktikantin, was ihm denn weggenommen werden würde, wenn man andere Menschen so respektiert, wie sie es sich wünschen, weiß Bohne keine Antwort.
Zur Auflockerung, damit die Handlung sich nicht ausschließlich in Gendersternchen und Sexismus-Diskussionen erschöpft, versucht der Pfarrer (herrlich weltfern: Ralf Komorr) immer wieder vergeblich, „nur ganz kurz“ die 14 Stationen des Kreuzwegs von Jesus zu skizzieren. Vergeblich.
Am Ende haben alle ein bisschen Recht. Die Jüngeren zum Glück am meisten. Eine gewisse Einigkeit zwischen den Generationen und den Geschlechtern lässt sich dennoch herstellen. Verständnis, Zuhören und Aufeinander-Zugehen sind wichtig, und als die gesangsfreudige Sekretärin schließlich „All you need is Love“ von den Beatles anstimmt, fallen alle mit ein, auf der Bühne wie im Zuschauerraum.ULRIKE FRICK
Vorstellungen
bis 12. Juli;
komoedie-muenchen.de.