Ein Duell oder schon ein Flirt? Thomas Lettow und Lisa Stiegler als Ex-Paar. © SANDRA THEN
In der Natur ist die Verpuppung ein Moment des Übergangs. Die Larve ist voll entwickelt und häutet sich ein letztes Mal, um fortan ein neues Dasein zu leben. Einen derart kompletten Wandel, eine Metamorphose, erfahren auch die Frauenfiguren in den Stücken „La Musica 2“ (1984) und „Die englische Geliebte“ (1968) von Marguerite Duras. Die italienische Regisseurin Silvia Costa hat die Texte der französischen Schriftstellerin (1914-1996) zusammengespannt und im Marstall des Staatsschauspiels inszeniert. Nach „Erinnerung eines Mädchens“ ist es ihre zweite Arbeit am Haus. Am Samstag hatte „La Musica – Zwischen ihr und ihm“ Premiere, der das Publikum – nach einem langen Moment der Stille – heftig applaudierte.
Während sich Insekten zur Metamorphose zurückziehen, vollzieht sich diese in den ästhetisch streng inszenierten 100 Minuten vor aller Augen: Hanna Scheibe wird als Claire Lannes ihre Theatermaske, auch „Larve“ genannt, zerbrechen, als ihre Figur das Wort ergreift. Und die namenlose Frau im ersten Teil entledigt sich ihrer Kleidung, die beides sein kann: schützend und einschnürend. Selbiges gilt hier für den Mann. Lisa Stiegler und Thomas Lettow spielen dieses Ex-Paar aus „La Musica 2“, das sich nach der Scheidung gegenübersitzt. Ein letztes klärendes Gespräch, eine Abrechnung, ein Aus- und Abchecken? Alles ist möglich in diesen Szenen, in denen äußerlich kaum etwas geschieht – in den Sätzen (vor allem: in den Pausen zwischen den Sätzen) dafür allerhand.
Ist das noch Dialog, schon Duell, oder flirten die beiden gar? Lettow und Stiegler halten das in einer aufregenden Schwebe. Durch Blicke, Gesten, Betonungen bringen sie die Luft zwischen ihren Figuren zum Flirren. Die Musik, die der Titel verkündet, findet sich in den kargen, doch kunstvoll verwobenen Sätzen mit ihren Auslassungen, Wiederholungen und Ergänzungen. Hart ausgeleuchtet auf der ansonsten finsteren Bühne, entwickelt das Gespräch eine enorme Dringlichkeit, an dessen Ende zwei neue Menschen stehen. Oder?
„Die englische Geliebte“ hat im Anschluss etwas Mühe, an diese Intensität anzuknüpfen. Duras verarbeitete hier ein reales Verbrechen. Im Jahr 1949 ermordete eine Französin ihren Mann. Sie zerlegte seine Leiche in 67 Teile, die sie in Tüten packte und entsorgte: auf Feldern, in Kanälen, im Zug. Im Stück ist das Opfer die taubstumme Cousine der Täterin. Im Zentrum steht ein Gespräch, das ein Autor, der an einem Buch über den Fall schreibt, mit dem Ehemann Pierre Lannes führt. Sie wollte seine „Aussage über seine Frau“ hören, erläuterte Duras einst: „Ich habe ihn aus seinem Sarg geholt, damit er einmal im Leben von allen gehört wird. Er war so taub und stumm wie das Opfer.“
Costa, die auch fürs Bühnenbild verantwortlich ist, hat für das Gespräch der Männer eine zweite Ebene gebaut: Über der Spielfläche, abgehoben vom Alltag, versucht Simon Zagermanns Befrager vom großsprecherischen Pierre (Nicola Mastroberardino) Details über dessen Ehefrau zu erfahren. Die beiden Typen palavern von oben herab über Claire, die unten das Dasein einer Hausfrau fristet. Die Regisseurin inszenierte das als Abfolge stilisierter, sinnentleerter Rituale – monoton wie das Tropfen des Wasserhahns. Schwer zu sagen, was Scheibes Figur mehr in ihrer Entfaltung behindert: die Maske mit dem freundlich-nichtssagenden Gesicht, die sie trägt? Oder der goldene Käfig, der hier strahlend weiß ist?
Es gibt zig Andeutungen in dieser hochartifiziellen Inszenierung. Wenn Claire unten Äpfel schält, während ihr Mann oben dumpf einen verschlingt, spielt Costa auf die Vertreibung aus dem Paradies an. Später wird sie Brotkrumen auslegen wie Hänsel und Gretel – und dennoch keinen Ausweg finden. Oder? Als sie mit den Leichensäcken hantiert (die taubstumme Cousine darf gern als Allegorie auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft verstanden werden), zieht Scheibe einen roten Vorhang vor. Im selben Rot sind Stieglers Nägel im ersten Teil lackiert. Sie sind zu sehen, als die Figur die schwarzen Handschuhe ablegt. Es ist die Farbe des Ausbruchs. Des Aufbruchs.MICHAEL SCHLEICHER
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