Ein Foto als Erinnerung: das Publikum beim Kaiser.
Mit 74 top in Form: Sänger Roland Kaiser.
Rund 7000 Fans sind am Samstag in den Schleißheimer Schlosspark gekommen, um Roland Kaiser zu sehen. © Sven Leifer (3)
Die Menschen, das lässt sich überall beobachten, lächeln zu wenig. Doch dagegen gibt es eine Medizin: Roland Kaiser. Der Schlosspark in Oberschleißheim war am Samstagabend wohl der Ort, an dem die meisten glückselig strahlenden Menschen in München vereint waren: rund 7000. Noch nie zuvor hat ein einzelner Künstler so viele Menschen für einen Abend nach Oberschleißheim gelockt. Der Kaiser vor königlicher Kulisse.
Und der Kaiser kann’s: Spätestens als die ersten Takte von „Sieben Fässer Wein“ durch den Schlosspark hallen, gibt es kein Halten mehr. Tausende Stimmen singen mit, Hände gehen in die Höhe, Paare liegen sich in den Armen. Vor der barocken Kulisse von Schloss Schleißheim gab es die bayerische Ausgabe von Kaisermania.
Der 74-Jährige hat in mehr als fünf Jahrzehnten Karriere etwas geschafft, das nur wenigen Künstlern gelingt: Er verbindet Generationen. Was in den 1970er-Jahren als klassische Schlagermusik bei Dieter-Thomas Heck in der „Hitparade“ begann, hat sich zu einem generations- und geschlechtsübergreifenden Kult entwickelt. Seine Hits gehören längst zum kollektiven Gedächtnis der Republik. Ob „Joana“, „Santa Maria“ oder „Warum hast du nicht nein gesagt?“. Und dabei geht es fast immer irgendwie um Sex. Der Stern nannte Kaiser mal den „Softpornographen des deutschen Schlagers“.
Aber damit spricht er, der – ganz Gentleman der alten Schule – im Anzug auf der Bühne steht, seit Jahrzehnten die Massen an. Auch die Jüngeren. Kaiser stellte auf der Bühne fest: „Die meisten hier dürften die 80er-Jahre nur aus Erzählungen kennen.“ Als er seine ersten großen Erfolge feierte, waren viele im Publikum noch gar nicht geboren. Trotzdem vermeidet Kaiser jede Form künstlicher Jugendlichkeit. Er tritt nicht als Popstar auf, sondern eben als Roland Kaiser – und genau dafür lieben ihn seine Fans.
Wie etwa die vier jungen Burschen um die 20, die aus Tirol angereist sind. Und sie finden, das hat sich gelohnt: „Der Roland ist super!“ Das finden auch die drei Damen aus Duisburg und Helga aus München. Die 88-Jährige hat die Karten für das Konzert ihrer Schwester (92), die im Rollstuhl sitzt, und ihren Töchtern zu Weihnachten geschenkt. Viele andere Fans, die gemeinsam mit ihrem Idol älter geworden sind, hatten ihre Karten zurückgegeben, nachdem bekannt geworden war, dass es bei dem Konzert nur Stehplätze gibt. Dafür aber jede Menge Platz zum Tanzen und beste Feierstimmung.
Was die Menschen außerdem mit dem Schlagerstar verbindet, ist Kaisers Lebensgeschichte. Nach seiner schweren COPD-Erkrankung und einer Lungentransplantation im Jahr 2010 kehrte Kaiser auf die Bühne zurück. Für viele Fans ist diese Rückkehr sein „zweites Leben“. Sie bewundern nicht nur den Künstler, sondern auch den Menschen, der sich nach einer existenziellen Krise zurück ins Rampenlicht kämpfte und zur Kultfigur wurde.
Das Epizentrum dieses Kults bleibt die Dresdner Kaisermania, die Jahr für Jahr innerhalb kürzester Zeit ausverkauft ist und zehntausende Menschen an die Elbe lockt. Doch auch vor dem Königsschloss von Oberschleißheim wird klar, dass das Phänomen Kaiser längst ganz Deutschland erfasst hat.CLAUDIA MUSCHIOL