Trifft den richtigen Ton: Autorin Veronika Peters. © Rowohlt
Es gibt einen Moment in diesem Roman, da sitzt Alma Grün, die tragische Heldin, in ihrer großzügigen Berliner Wohnung, deren Miete sie sich nicht mehr leisten kann, und fällt ein gnadenloses Urteil über sich selbst: Bei all ihrem vorgetragenen Feminismus, stellt sie fest, ist sie derart sorglos, nein, unselbstständig in Geldangelegenheiten gewesen, dass es eine Schande ist. Und nun ist sie fast sechzig und steht vor dem Nichts.
Es hat einige Monate gedauert, bis Alma zu dieser Erkenntnis kommen konnte, hatte sie sich doch bis dahin in Schockstarre befunden, nachdem ihr Partner, Vater ihrer zwei erwachsenen Töchter, sie aus heiterem Himmel verlassen hat. Schluss mit dem fröhlichen Künstlerinnendasein der freiberuflichen Schriftstellerin, da ihr in Wahrheit doch recht bourgeoises Leben – das stellt sich nun auch für sie als verdrängte Wahrheit heraus – in großen Teilen auf der Sicherheit beruhte, die ihr verbeamteter Lebensgefährte darstellte. Nun bleiben die Buchverträge aus, der früher oft frequentierte Feinkostladen ist zum unerhörten Luxus geworden, und so wie es aussieht, kann Alma sich demnächst eine neue Bleibe suchen.
Wer rettet Alma Grün? Diese Frage stellt sich gleich zu Beginn dieser Geschichte, die Veronika Peters witzig, treffsicher und nur scheinbar locker dahinerzählt. In Wirklichkeit, so leicht er sich auch lesen mag, stellt der Roman Fragen, die unbequemer nicht sein könnten: Was hat Freiheit mit finanzieller Sicherheit zu tun? Wie abhängig sind Frauen heute noch von ihren (männlichen) Partnern? Ruht sich der bürgerliche Feminismus auf ausbeuterischen Arbeitsbedingungen marginalisierter Frauen aus? Und, am wichtigsten: Warum ist in Deutschland jede fünfte Frau gefährdet, in die Altersarmut zu rutschen – und welchen Anteil der Verantwortung tragen die Frauen selbst dafür, welchen die fraglos vorhandenen strukturellen Ungerechtigkeiten?
Veronika Peters jedenfalls gibt ihre Heldin nicht auf: Sie schenkt ihr starke Freundinnen, die sich weigern, die kurz vor der Verbitterung stehende Alma im Stich zu lassen. Sie lässt sie die historische Figur Claire Goll wiederentdecken, die auch Almas Blick auf sich selbst verändert. Und sie ermöglicht ihr, Stolz und Scham zu überwinden und sich damit auseinanderzusetzen, was sie in der Vergangenheit anders hätte machen können – und was nun noch geradezubiegen ist.
Wer also rettet Alma Grün? Die Frauen, das steht fest. Eine von ihnen: die Heldin selbst. Veronika Peters hat mit Alma eine mit zynischem Humor versehene Mahnfigur geschaffen, die zwischen den Zeilen zu murmeln scheint: „Lies das Buch ruhig in Ruhe fertig. Aber dann klapp es zu und kümmere dich gefälligst um deine Altersvorsorge!“ Chapeau!JOHANNA SCHULTHEISS
Veronika Peters:
„Mehr Leben als geplant“. Rowohlt Kindler, 256 Seiten; 24 Euro.