Mit offenen Ohren zum Erfolg

von Redaktion

Das mutige, vielfältige Münchener Kammerorchester feiert 75-Jähriges

Volle Hingabe: Das Kammerorchester mit Enrico Onofri am Pult (oben). Jörg Widmann (li.) dirigiert das Jubiläumskonzert. © Florian Ganslmeier

Spitzenmusiker: Das Münchener Kammerorchester lässt sich gern auf Neues ein. © Daniel Delang

„Das Münchener Kammerorchester möge seinen Geist erhalten, sich weiterhin selbst zu erneuern!“ Der Wunsch Jörg Widmanns, eines der drei Dirigenten des Ensembles, wird auf offene Ohren stoßen. Denn genau mit dieser Gabe hat das MKO in den vergangenen Jahren weltweit einen Spitzenplatz in der Liga der Kammerorchester erobert und mit Bravour verteidigt. Seinen 75. Geburtstag feiert das Streichorchester, das sich mit handverlesenen (Bläser-)Kollegen zum Symphonieorchester erweitert, mit einem Festkonzert am 11. Juni in der Isarphilharmonie.

Am Pult steht Widmann, der Mendelssohns 10. Streichersinfonie und dessen „Reformationssinfonie“ dirigieren wird. Der Klarinettist, Komponist und Dirigent gerät ins Schwärmen: „Schon in den Neunzigerjahren habe ich erste kleine Konzerte mit dem MKO gespielt“, erinnert er sich. „Dann erhielt ich den Auftrag für ein Streicherwerk und schrieb ‚Insel der Sirenen‘. Und weil ich wusste, wie homogen dieses Ensemble musiziert und von wie vielen interessanten Einzelpersönlichkeiten es gebildet wird, schrieb ich für jedes MKO-Mitglied eine eigene Stimme. Es war mein erstes Geräusch-Stück. Ich hatte keine Erfahrung und habe von den Musikerinnen und Musikern so viel gelernt. Das war fantastisch.“

Genau diese Offenheit, das Sich-Einlassen auf Neues, auf Unbekanntes und Ungewohntes zeichnet das Orchester aus, und genau dafür lieben es die Zuhörer. Und so wird naturgemäß auch im Jubiläumskonzert neben Mendelssohn etwas Zeitgenössisches erklingen: Widmanns „Friedenskantate für Soli, Chor, Orgel und Orchester“, die er für das Leipziger Bachfest 2023 schrieb, als dort der 300. Jahrestag der Inthronisierung Bachs als Thomaskantor gefeiert wurde.

Altes und Neues, Musik der Barockzeit, der Klassik, der Romantik und der Moderne bis zu Druckfrischem umfasst das Repertoire des MKO. Für seine im wahrsten Sinne aufregende Programmgestaltung wurde es bereits mehrfach ausgezeichnet. Mit dem Wechsel vom festen Chefdirigenten – auf Gründer Christoph Stepp folgten Hans Stadelmair, Christoph Poppen, Alexander Liebreich, Clemens Schuldt – zum Triumvirat wird auch am Pult stilistische Vielfalt gelebt.

Neben dem Münchner Jörg Widmann spannt der Niederländer Bas Wiegers den Bogen vom Barock bis ins Heute, und der Italiener Enrico Onofri erinnert als Gründer des „Giardino Armonico“ an seine Wurzeln in der historisch informierten Aufführungspraxis. Das Orchester wünschte sie sich.

Tatjana Erler, Bassistin und Orchestervorstand, spricht vom „Dreigestirn als großer Bereicherung“: „Wir profitieren von drei Musikern. Jeder bringt etwas Eigenes mit und das ist sehr erfrischend. Dadurch bekommen wir so viel Input – das könnte ein einzelner Dirigent gar nicht leisten. Außerdem sind auch wir als Orchester dadurch selbstbewusster und mutiger geworden“, freut sich die sympathische Musikerin, die sich vor zwölf Jahren für die „Bassgeige“ in genau diesem Orchester entschied. Denn in der kleinen Besetzung könne sie am Kontrabass das Geschehen beeinflussen, Linien vorgeben und als Rhythmusgruppe (mit dem Bass-Kollegen) agieren. „Wenn wir als reines Streichorchester ohne Dirigenten musizieren, hat man am Kontrabass quasi den Laden in der Hand.“

Auch für Florian Ganslmeier, der 2005 als Geschäftsführer die Geschicke des Orchesters übernahm, ist die noch nirgendwo erprobte Dreier-Lösung „das Ei des Kolumbus“: „Das Modell trägt dazu bei, dass sich beste Kräfte bei uns bewerben – wir hatten gerade Bomben-Vorspiele. Das MKO ist als lebendiger Organismus musikalisch sehr attraktiv.“

Was sich Bassistin Erler für die Zukunft wünscht? „Dass wir gesellschaftsrelevant bleiben und nahbar.“ Das ist auch Florian Ganslmeiers Anliegen: „Wir möchten das Publikum, das hoffentlich noch bunter wird, erreichen, ohne geschmackliche Konzessionen zu machen. Und wir bemühen uns, es überall zu treffen: im Abo-Konzert, in der Pinakothek der Moderne, im BMW-Club oder in der Schule und auf unseren weltweiten Tourneen.“ Für den Geschäftsführer ist es ein Privileg, beim MKO arbeiten zu dürfen, und Tatjana Erler gesteht: „Es ist ein Traum.“GABRIELE LUSTER

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