URAUFFÜHRUNG

Münchner Geschichten

von Redaktion

Ulrike Günther inszeniert an der Schauburg mit Laien „Mehrfachleben“

Ein starkes Ensemble (v. li.): Rafael Maletskyi, Oleksandra S. Zaruzhko, Lucas Luan Uzquiano Jokisch, Viktoriia Volkhovska, Mohammed Kunani, Karyos Kiete und Nedo Alić. © Philipp Nemenz

Wo beginnen? Bei der enormen Energie, die 90 Minuten lang in der Schauburg zu erleben ist? Beim Mut, den das Haus am Elisabethplatz, vor allem aber die acht jungen Menschen zeigen, die ihre Geschichte zur Basis für Theater machen? Oder beim Erfolg von „Mehrfachleben“, bei den Standing Ovations, mit denen die Uraufführung am Sonntag gefeiert wurde?

Ganz gleich, wie man anfängt: Dieses Experiment ist geglückt. Und wie! In fünf Monaten haben acht Münchner Jugendliche, allesamt Schauspiel-Laien, gemeinsam mit dem Team um Regisseurin Ulrike Günther diesen Abend erarbeitet, in den Schulferien und an Wochenenden. Das Ensemble hat Wurzeln im Jemen, im Irak, in El Salvador, auf Sizilien, in der Ukraine oder der Walachei. Ausgehend von ihren jeweiligen Erfahrungen, Traditionen und Geschichten haben die Darstellerinnen und Darsteller wiederkehrende Muster erkannt: im Umgang von Einheimischen und Zuagroasten, im nervtötenden Mühlrad der Bürokratie, aber auch im Privaten, bei den Sorgen und Hoffnungen, der Wut und Verzweiflung, dem Frust und im Familiären. Das Besondere an „Mehrfachleben“ ist nun, dass der Abend nicht beim Persönlichen verharrt, das wäre langweilig. Vielmehr erzählt die Inszenierung mit den Mitteln des Theaters Allgemeingültiges. Über den Unterschied von „Heimat“ und „Zuhause“. Über Werte in unterschiedlichen Kulturen, die sich mitunter widersprechen können. Über Grenzen und Chancen von Sprachkenntnissen.

Die Jugendlichen spielen sich selbst. Die Schauburg-Profis haben gewissenhaft mit ihnen gearbeitet, sodass das hoch engagierte Ensemble den Abend tragen kann. Und über Stellen, an denen es etwas holprig zu werden droht, retten Witz und Charme. Regisseurin Günther vertraut stets auf die Kraft der Authentizität, um die Produktion voranzubringen. Andreas A. Strasser hat ihr dazu ein Gerüst auf die Bühne gebaut, das mannigfaltig einsetzbar ist: als Wohnblock oder Amtsstuben, als Projektionsfläche für Videos oder als Leinwand für Schattentheater. Die Vielzahl der Theaterstile, mit denen Günther inszenierte, spiegelt jene der Geschichten ihrer Protagonistinnen und Protagonisten.

„Ich bin schon immer hier“, heißt es zu Beginn. „Und trotzdem gibt es kein Gebäude in München, das ich so gut kenne wie die Ausländerbehörde, das KVR.“ Da sind zum Beispiel aber auch Rafael Maletskyi, Oleksandra S. Zaruzhko und Viktoriia Volkhovska, die vor dem Angriff der Russen auf die Ukraine geflohen sind. Der Krieg in ihrer Heimat, das wird in ihren Schilderungen schmerzhaft klar, droht Familien zu zerreißen. In mehr als einer Hinsicht. Oder es geht um die unterschiedliche Wahrnehmung von Sprache: Spanisch weckt bei vielen Deutschen Urlaubserinnerungen – bei Arabisch dagegen ist „Drogendealer“ eine der ersten Assoziationen.

Die Stärke von „Mehrfachleben“ ist, dass all diese Beobachtungen Raum bekommen, ohne dass simple Lösungen vorgestellt werden. Dafür ist das Thema zu komplex, zu emotional. Auch dessen ist sich die Inszenierung bewusst. Wenn Worte nicht mehr ausreichen, wenn Sätze leerzulaufen drohen, wechselt das Ensemble in die Musik und bietet etwa eine aufregend frische Version von Alice Mertons „No Roots“. Im Song heißt es: „I’ve got no Roots, but my Home was never on the Ground.“ (etwa: „Ich habe keine Wurzeln, aber mein Zuhause lag nie auf der Erde.“) Braucht’s auch nicht. Denn das hier sind alles Münchner Geschichten.MICHAEL SCHLEICHER

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