NEUERSCHEINUNG

Der Enge entfliehen

von Redaktion

Die Münchnerin Jutta Pilgram legt mit „Glaub mir“ ihre erste Graphic Novel vor

Soeben erschienen: „Glaub mir“ von Jutta Pilgram.

Kommt am 17. Juni ins Literaturhaus: Comic-Zeichnerin Jutta Pilgram. © Tina Rieger-Gudehus/Photogenika/Jaja-Verlag

Kapitel 15 bringt die Verwirrung auf den Punkt: „Ich wusste nicht mehr, wem ich glauben konnte“ ist es überschrieben und zeigt Regina gefangen von Gedankenschleifen. Die Teenagerin ist die Protagonistin von „Glaub mir“, einem bemerkenswerten Buch. Nicht nur, weil es Jutta Pilgrams erste Graphic Novel ist, sondern auch, weil die Comiczeichnerin, die 1960 in Trier geboren wurde und seit Langem in München zu Hause ist, von zwei Weltreligionen erzählt: dem Christentum und dem Islam. Sie macht das auf unaufgeregte, spannende und charmante Art – und arbeitet dennoch die Konflikte heraus.

Die Geschichte beginnt im Ägypten-Urlaub, wo Regina zufällig ihre Jugendfreundin Malika trifft. Nach zehn Jahren Funkstille erinnern die Frauen sich zurück an jenen Sommer 1992, als die Muslima mit ihrer Familie in die Nachbarschaft von Reginas Elternhaus gezogen ist. Das ist sehr streng katholisch – für Reginas Mutter und Vater lauert der Teufel in jedem Spiegel, in den frau zu intensiv blickt. Regina und Malika werden Freundinnen. Mehr noch: Es findet sich eine Clique zusammen, in der Unterschiede neugierig thematisiert und lässig überwunden werden. Die Jugendlichen erfinden gar eine „Geheimreligion“, die das Schönste aus beiden Welten miteinander verknüpft. Es soll nicht alles verraten werden, aber klar ist, dass diese Utopie in der strengen Realität der realen Glaubensausübung keinen Platz hat.

Pilgram arbeitete viele Jahre als Journalistin, etwa als Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“. Das Recherche-Handwerk beherrscht sie also aus dem Effeff, davon profitiert „Glaub mir“. Zwar sind Regina, Malika und all die anderen Figuren fiktiv. Doch ist bei der Lektüre zu spüren, wie gewissenhaft die Künstlerin Fakten zusammengetragen hat: „Das macht mir Spaß. Doch wie schon als Journalistin neige ich auch als Comiczeichnerin dazu, endlos zu recherchieren.“ Ihre Leserinnen und Leser profitieren davon, denn natürlich weiß Pilgram, wie sie ihr Material bestmöglich gewichtet und aufschreibt. So erzählt „Glaub mir“ nicht nur, was Religionen aus- und stark macht, sondern beleuchtet, wie menschenfeindlich religiöse Enge ist. Zudem ist es eine Geschichte übers Erwachsenwerden – gezeichnet in einem klaren, stringenten Schwarz-Weiß-Stil, dem man nur manchmal etwas mehr von Reginas und Malikas Unbekümmertheit gewünscht hätte. Doch gerade für die Auswüchse des Glaubens findet Pilgram dann überzeugende grafische Lösungen.M. SCHLEICHER

Jutta Pilgram:

„Glaub mir“. Jaja-Verlag, Berlin, 244 Seiten; 24 Euro.

Lesungen: Jutta Pilgram stellt ihre Graphic Novel am 17. Juni, 19 Uhr, im Münchner Literaturhaus (Karten: 0761/888 49 999) vor sowie am 14. Juli, 19 Uhr, im Buchpalast München (Karten: www.buchpalastmuenchen.de).

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