Ciao, bella Italia, come stai? Die Sportfreunde Stiller lassen keine schlechte Laune aufkommen – ob in Italien oder daheim. © Ingo Pertramer
Glücklichsein kann man trainieren. Die Sportfreunde Stiller sind dafür der singende Beweis. In den vergangenen Wochen haben sie auf Bühnen und in Medien zurückgeblickt auf ihren 30-jährigen Werdegang, der wahrlich nicht immer nur ein Honigkuchenpferdegallopp war. Depressionen, Differenzen, Desorientierung und was es sonst noch gibt an Widrigkeiten, zerrten am Gefüge von Deutschlands beliebtesten Balljungen. Aber sie haben sich zusammengerauft. Heute – natürlich pünktlich zum Start der Fußball-WM – erscheint ihr neues Album „Happy Birthday“, und einmal mehr rufen uns ihre Lieder zu: Zammraufen! Die Bälle nicht immer nur flachhalten, auch mal zum Flugkopfball ansetzen! Das Herz aus der Hose ziehen und in die Hand nehmen! Und das Glückstraining nicht schwänzen!
Der Songtitel „Happy“ sagt natürlich schon alles, auch wenn das Lied eigentlich eher eine Liebeserklärung ist („Du bedeutest mir die Welt“). Die wahre Trainingsanleitung kommt aber mit „Wir laden uns auf“. Die Welt mag 2026 ein Irrenhaus sein, aber Peter Brugger singt: „Also alle jetzt die Arme hoch – Antennen für den Kräfte-Boost!“ Im Interview mit unserer Zeitung verriet Schlagzeuger Flo Weber, dass man anfangs sogar mit einigen düsteren Songs herumexperimentiert habe – aber das habe einfach nicht funktioniert. Es braucht für die Sportis einfach ein Happy End: „Nur wenn der Text einen wieder aufrichtet, sind wir glücklich.“
Für Bassist „Rüde“ Linhof stehen die positive Energie und der Optimismus der Band nur scheinbar im Widerspruch zur schlechten Laune, die derzeit durch Deutschland weht. „Die Leute haben eine totale Sehnsucht nach Positivität, nach Menschlichkeit, nach Vertrauen. All dem, was es auf Social Media bestenfalls symbolisch gibt.“ Er habe das Gefühl, dass das Publikum auf Sportfreunde-Konzerten „den kompletten Durchschnitt der Bevölkerung“ repräsentiere. „Der Korridor, auf dem wir uns verstehen, ist so unheimlich breit. Nur die Ränder werden künstlich vergrößert – durch Algorithmen in die Köpfe gepflanzt. Wir haben eine andere Haltung: Grundoptimismus, denn nur daraus kann etwas entstehen.“
Und so nehmen sie uns mit auf ihren charmanten Sprachkurs „Ti amo, Italiano“, zu dem sie sich beim Italiener neben ihrem Münchner Proberaum haben inspirieren lassen. Damit könnten sie fast beim „Festival della canzone italiana“ in San Remo auftreten, so sehnsüchtig singen die Keyboards und flöten die Flöten zum Schlager, der natürlich als Rocksong daherkommt. Rein musikalisch könnte es aber auch das Lied „Keine Blumen ohne Regen“ auf die Showbühne schaffen, mit mediterran pumpendem Achtzigerjahre-Sequencer und Bass. „Ohne dich geh’ ich kaputt (gehst du mit)“ ist dann wieder ein hübsches Sporti-Wortspiel im Neunziger-Alternative-Rock-Kostüm. „Hey Buddies“ umarmt die Fans schließlich, bis denen die Luft wegbleibt. „Ohne euch wär das Leben nur halb so verwegen!“
Bei wirklich jeder anderen Band würde derart geballte Menschenfreundlichkeit ranschmeißerisch klingen – aber die Sportfreunde kriegen einen schon wieder damit. Vielleicht ist es Bruggers bairisch eingefärbte, ewige Bubenstimme (deren einzige Schulung die Fangesänge im Fußballstadion zu sein scheinen), die manches augenzwinkernd transportiert, das meiste aber unverstellt ehrlich. Vielleicht ist es aber auch einfach die Sehnsucht nach dem Guten, von der Rüde spricht. Wer weiß?
Ganz sicher ist jedenfalls: Es funktioniert, dieses Album schüttet Glückshormone aus, wenn man sich drauf einlässt. Und die Sportfreunde zeigen wieder mal: Die schönsten Geburtstagsgeschenke sind oft die, die wir uns selber machen.JOHANNES LÖHR
Sportfreunde Stiller:
„Happy Birthday“
(Blickpunkt Pop).