FESTIVAL

Aufgeweckt in Unterfranken

von Redaktion

Mit einem hinreißenden Prolog von Avi Avital startete der 40. Kissinger Sommer

Auf nach Süditalien! Avi Avital und sein Ensemble Between Worlds gestalteten den Prolog des 40. Kissinger Sommers. © JULIA MILBERGER

Es ist – was sonst? – die Liebe, die den Weg weist. „Bella ci dormi“ heißt das Stück, das den offiziellen Teil im Kurtheater von Bad Kissingen beschließt. „One of the most beautiful italian Lovesongs, I know“, ordnet Avi Avital die Nummer ein: Ein Mann steht da vor jenem Fenster, hinter dem die Geliebte schläft. Er fleht und singt, singt und fleht, sie möge doch bitteschön erwachen und die Tür öffnen. „Wake up and let me in“, fasst Avital zusammen. Hach.

Avital musiziert mit Verve, aber auch mit großer Empathie

Nichts anderes als das, was in dieser wunderschönen Musik aus Apulien verhandelt wird, hat der israelische Mandolinist am Donnerstag in Bad Kissingen getan. Avital, 1978 in Münchens Partnerstadt Be’er Scheva geboren, hat das internationale Musikfestival aufgeweckt (und wie!) – bis 18. Juli sind die Türen offen.

Vor 40 Jahren wurde der Konzertreigen in Unterfranken gegründet. Damals war dort „Zonenrandgebiet“, die Kultur sollte Menschen anlocken. Es funktionierte. „Mazel Tov“ lautet daher das Motto, unter das Intendant Alexander Steinbeis und sein engagiertes Team die Jubiläumssaison gestellt haben (wir berichteten). Der jiddische Glück- und Erfolgswunsch ist nicht zufällig gewählt. Der Kissinger Sommer feiert heuer nicht nur Geburtstag, sondern blickt auch auf die jüdische Historie der Stadt, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht.

Gerade nach der Emanzipationsbewegung im 19. Jahrhundert prägten die Kissinger Juden die Gegend gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell und freilich auch im Kur- und Bäderbetrieb. All die prominenten Gäste nicht zu vergessen, die zur Sommerfrische kamen: Albert Einstein, Max Liebermann, Paul Heyse, Katia Mann und, und, und. 1925 machte die jüdische Gemeinde 5,3 Prozent der Einwohner aus, ein Höchststand. Nur 17 Jahre später wurden die letzten Juden aus dem Ort nach Kraśniczyn und Theresienstadt deportiert. All das reflektiert die 40. Ausgabe des Festivals – in der Musik, in Ausstellungen, Stadtführungen, Diskussionen, Lesungen.

Mit dem Prolog haben die Verantwortlichen ihrem Publikum – und ein wenig auch sich selbst – ein tolles Geschenk bereitet. Avi Avital spielt sein Instrument höchst gegenwärtig, lässt die Mandoline mal rocken, mal behutsam singen. Er führt obendrein so uneitel wie charmant durch den Abend. Vor drei Jahren hat der Musiker Between Worlds gegründet. Auf seinen Reisen zu den verschiedenen Sprachen der Musik ist das Ensemble nun in Italien angekommen. Genauer: in Apulien. Und noch exakter: in der Region Salento, also dem Absatz des „italian Heel“, erklärt der 47-Jährige.

Die Volksmusik dort hat ein fantastisches, manchmal in den Irrsinn drehendes Tempo – und ist gebettet auf einem satten Rhythmus. Avital und seine Kolleginnen und Kollegen musizieren mit Verve, aber auch mit großer Empathie für Behutsames, für Zwischentöne. Mit Alessia Tondo haben sie eine Sängerin mitgebracht, die zu den prägenden Stimmen aus dem Salento gehört. Vor allem aber ist sie eine Geschichtenerzählerin, die Miniatur-Dramen entfaltet. Auszüge aus Strawinskys „Pulcinella“ und das Konzert für Mandoline, Streicher und Basso continuo in D-Dur von Emanuele Barbella (1718-1777) spielen mit Motiven der Commedia dell’arte, Italiens Beitrag zum Welttheater. Und mit Werken von Giovanni Sollima, Jahrgang 1962, und vor allem vom 1982 geborenen Nicola Segatta präsentiert Avital zwei zeitgenössische Entdeckungen: Cinemascope-Musik, die nie zur Pose wird. Standing Ovations, Zugaben-Zauber. Ja, der Kissinger Sommer ist erwacht.MICHAEL SCHLEICHER

Weitere Informationen

unter www.kissingersommer.de.

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