Leider beginnen Jubiläumskonzerte selten mit Musik. Vorher müssen Festansprachen überstanden werden. Kulturbürgermeisterin Mona Fuchs begrüßt bis in die Protokolltiefe, dann Schema F, Abteilung Kulturpathos. Danach das Gleiche von Ministerialdirigentin Angelika Kaus. Nach 15 langen Minuten endlich Musik.
Mendelssohns zehnte Streichersinfonie zeigt das Münchener Kammerorchester sofort in bester Verfassung: schlank, wach, transparent. Jörg Widmann dirigiert mit so heftigem Körpereinsatz, dass man mitunter den Eindruck hat, es solle der musikalische Ausdruck fürs Publikum gestisch aufbereitet werden. Die Streichersinfonien des Genie-Teenagers brauchen ohnehin keinen Dirigenten, schon gar nicht mit der Gestik zu Mahlers Zweiter.
Das Zentrum des Abends ist die „Friedenskantate“ aus Widmanns eigener Feder, ein Leipziger Auftragswerk von 2023 zum 300. Jahrestag von Bachs Amtsantritt als Thomaskantor. Widmann beginnt bedrängend: Röhrenglocken, Bassklarinette im Raum. Dann schneidet Claudius’ „’s ist Krieg“ in den Klang. Wenn der Tölzer Knabenchor darauf mit hellen Stimmen hofft, „nicht schuld daran zu sein“, klingt Unschuld nicht tröstlich. Sie schnürt einem die Luft ab. Widmann montiert Bibelworte, Claudius, Brecht, Jean Paul und Bonhoeffer, zitiert Bach direkt. Bonhoeffers „Von guten Mächten“ bekommt berührende Schlichtheit. Dem Münchner gelingt damit ein großer Wurf, in dem nur das abschließende Halleluja mit Pauken und Trompeten etwas zu bereitwillig erlöst.
Im Solistenquartett ist Claron McFaddens Sopran nicht gerade groß und bisweilen unsauber geführt; Geneviève Tschumis Alt klingt warm, doch etwas blass. Das fügt sich freilich in Widmanns Klangsprache ebenso gewinnend ein wie Lukas Sieberts heller Tenor, den er randstimmig oft etwas engführt. Krešimir Stražanac gibt dazu fülliges Bassmaterial.
Nach der Pause die „Reformationssinfonie“. Die langsame Einleitung könnte unter weniger Zugriff organischer wachsen; schön ausgeleuchtet schwebt das Dresdner Amen. Im Allegro con fuoco läuft die Maschine heiß: Stichflamme statt loderndes Feuer. Auch der Schlusssatz zu Luthers „Ein feste Burg“ klingt eher nach Kreuzzug als nach Glaubensbekenntnis. Mendelssohn schrieb das Werk für die 300-Jahr-Feier der Confessio Augustana. Zwischen zwei 300er-Jubiläumswerken wirkt das MKO mit 75 beinahe blutjung. Da wäre auch wirklich kein Platz für behagliche Rückschau.WILLI PATZELT