PREMIERE

Geister in der Sinnkrise

von Redaktion

„Das Gespenst von Canterville“ im Münchner Volkstheater

Zwischen Spuk und Psychotherapie: ein geistreicher Theaterabend mit liebenswerten Gespenstern. © Jakob Schnetz

Der Abend beginnt in feinster Horrorfilm-Manier: Vernehmlich schlägt die Turmuhr zur Mitternacht. In einer düster ausstaffierten Halle mit Polstermöbeln und flackerndem Kaminfeuer wabert der Bühnennebel. Dazu sorgt der von Cico Beck irgendwo zwischen Hammer-Studio-Sound und Edgar Wallace verortete Klangteppich für sanfte Gänsehaut. „I Wanna Contact The Living – Das Gespenstische von Canterville“ lautet der Titel des Stücks, das Regisseurin Katharina Grosch frei nach Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“ für das Münchner Volkstheater eingerichtet hat. Doch wie schon bei Wilde ist es auch dieses Mal nicht allzu weit her mit dem Gruseleffekt. Statt des alten Sir Simon erscheinen zwar sogar drei Geister. Doch auch sie, mitreißend gespielt von Maximilian Haß, Liv Stapelfeldt und Marlene Markt, sind wenig Furcht einflößend.

Für die frisch im Schloss eingezogene amerikanische Familie Otis zählt ohnehin nur „Geld, Geld, Geld“ oder das Mobiltelefon, das mit unbewegter Miene bearbeitet wird. Ansonsten gibt sich die gesamte Familie völlig unbeeindruckt. Sämtliche Ideen, mit denen das niedliche Gespenstertrio (Bühne und Kostüme: Hanna Rode) die vier Fremden das Fürchten lehren möchte, scheitern an der teflonartigen Puppenhaftigkeit des Otis-Clans.

Die Einzige, bei der jede noch so ungruselige Idee der Geister sofort verfängt, ist die völlig überarbeitete Haushälterin Ms. Umney. Ruth Bohsung spielt die zunehmend hysterische, zwischen diversen Krankheitsbildern changierende junge Frau mit einer fesselnden Präzision.

Die liebenswerten Gespenster beginnen derweil, ihre Fähigkeiten und ihren Verwendungszweck zu hinterfragen. Dafür ziehen sie sich immer wieder in ihren eigenen Bereich im Schloss, eine über dem Otis’schen Wohnzimmer gelegene Garderobe, zurück. Zunehmend irritiert sinnieren sie dort über die Verunsicherungen der Welt, über Sinn und Nutzen von Furcht in der modernen Gesellschaft und die Unterschiede zwischen Angst und Unbehagen. Und schliddern mitten hinein in eine handfeste Psychokrise. Katharina Groschs geistreiche Überlegungen zu dem weiten Themenfeld mäandern sehr vergnüglich zwischen Heideggers Existenzphilosophie, den Segnungen der Psychotherapie, dem Unheimlichen in David Lynchs „Mulholland Drive“ und der Begeisterung für Coke Zero und Kräuterzigaretten dahin. Hin und wieder würde dem gehaltvollen Abend allerdings etwas Straffung dabei helfen, einige Aussagen deutlicher zu akzentuieren.ULRIKE FRICK

Nächste Vorstellungen:

21., 26. Juni und 17.Juli, Bühne 2, jeweils 20 Uhr. Karten unter 089/5234655

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