Beeindruckend: Sängerin Emily Armstrong.
Begeistert: Die treuen Fans der Kultband feiern die Neubesetzung. © Martin Hangen
Bombastisch: Die Bühnen- und Lichtshow von Linkin Park am Donnerstagabend. © Martin Hangen
Emily Armstrong ist ein Tausendsassa! Erst flirtet sie mit dem Publikum, kickt dann gekonnt einen auf sie zufliegenden Ball weg, ehe sie plötzlich mit einem markerschütternden Schrei in den Song „Two Faced“ springt. Und die rund 56.000 Fans in der Allianz Arena springen hoch und schütteln ihre Köpfe im Takt.
Dabei war der Start noch verhalten gewesen. Bereits im Intro des zweiten Songs „Crawling“ hält die neue Sängerin den Fans das Mikro hin, doch die verwandeln den Traumpass nicht und singen kaum mit. Der Sound in der riesigen Arena ist zunächst nicht ausgesteuert und je höher man sitzt, desto blecherner ist der Hall. Das bekommt die Tontechnik aber schon nach kurzer Zeit in den Griff, sodass sich ein satter Gitarrensound entfaltet. Mit den harten Riffs ist auch das Publikum da und spätestens beim Hit „The Emptiness Machine“ stehen fast alle auf den Rängen.
Eine Schlüsselrolle kommt dabei vor allem Sympathieträgerin Emily Armstrong zu. Den 2017 durch Suizid verstorbenen Sänger Chester Bennington am Mikro zu ersetzen ist eine Herkulesaufgabe, doch sie schafft es mit Bravour. Ihre herausragende Stimme schraubt sich in schwindelerregende Höhen, setzt berührende Statements, kommt aber auch mit den brachialen Shouts klar. Benningtons Tod wird an diesem Abend nicht thematisiert, doch das ist gar nicht nötig, denn durch die Musik bleibt er unvergessen. Bei den Songs, in denen seine von Schmerz und Trauer geprägte Stimme übergroß fehlt, wendet Emily einen cleveren Trick an: Sie lässt die Fans singen, bis ein lauter Chor aus der Arena hin zu den Fröttmaninger Schafen erklingt und für Heimspiel-Atmosphäre sorgt.
Ein großer Unterschied ist dabei zu den Liedern des aktuellen Albums „From Zero“ zu bemerken, die perfekt auf die neue Sängerin zugeschnitten sind. Durch dieses 2024 erschienene Album schaffte die Band einen grandiosen Neustart, der ihr viele neue Fans sicherte und die nächste Generation erreichte. So katapultierte sich Linkin Park zur kommerziell erfolgreichsten Band dieses Jahrtausends. Die „From Zero World Tour“ geht seitdem um die Welt und macht gleich zweimal Station in der Allianz Arena. Die US-Amerikaner scheinen München-Fans zu sein, denn auf Social Media konnte man die Band schon vorab bei den Eisbach-Surfern sehen und Armstrong im Dirndl bewundern. Vor einem Jahr eröffneten die US-Amerikaner hier bereits das Champions League-Finale mit einem Song-Medley im Stadion. Damals beichtete Armstrong ihr deutsches Lieblingswort „Mausi“, das sie seitdem munter als Kompliment bei Konzerten einsetzt. So auch an diesem Abend, als sie plötzlich ins Publikum deutet und laut „Mausi!“ ausruft. Gerade bei den alten Songs mit Elektro-Einflüssen wie „Numb“ zeigt sich, dass Linkin Park ihrer Zeit stets voraus waren.
Die Mischung aus Rap, Elektro und Rock war Anfang der 2000er einmalig. Die Trendsetter pflanzten so den Samen, aus dem noch Jahre später neue Bands entspringen sollten. Inzwischen haben Linkin Park so viele Hits, dass einige im Stadion den Überblick verlieren. Nach „Faint“ wollen sich die Ersten schon auf den Heimweg machen, doch noch haben Linkin Park nicht genug. „Papercut“, „Heavy is the Crown“ und „Bleed it out“ vereinen als Zugaben noch einmal die Stärken der neu formierten Band. Nach zwei Stunden mit 28 Songs kocht die Arena im Konfettiregen – und Linkin Park verabschieden sich mit einem klaren Heimsieg.M. HELLSTERN