PREMIERE

Ein gezähmtes Prachttier

von Redaktion

Leonie Böhms Kammerspiel-Inszenierung verschenkt die Brisanz des Romanstoffs

„Mein kleines Prachttier“ mit Annette Paulmann (li.) und Maren Solty. © Judith Buss Fotografie

Sie röhren, stöhnen, und manchmal singen sie a cappella. Dann wieder tänzeln, hüpfen, fläzen oder rekeln sich die beiden Darstellerinnen, aber trotz dieser ambitionierten Stimm- und Leibesübungen will der ohnehin bloß einstündige Abend nie richtig Fahrt aufnehmen – und kommt einem deshalb gefühlt doppelt so lang vor. Das ist umso verwunderlicher, als neben der jungen Maren Solty hier auch die große Annette Paulmann auf der Bühne der Münchner Kammerspiele steht, die sonst noch die fadesten Inszenierungen rettet. Und außerdem sollte einen doch zumindest der Stoff des Stücks aufwühlen, denn in der Romanadaption „Mein kleines Prachttier“ geht es um den sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen durch einen fast fünfzigjährigen Mann.

Hier wurde leider ein Bock geschossen

Während man also verstohlen gähnt, wird einem immerhin klar, warum das eindrucksvolle Bühnenbild (Zahava Rodrigo) aus überdimensionalen Geweihteilen besteht, die wie eine erratische Riesenskulptur den Raum beherrschen: Die Kammerspiele und Regisseurin Leonie Böhm haben hier leider einen Bock geschossen. Das fängt vielleicht schon bei der Stückwahl an. Denn der Roman des niederländischen Erfolgsautors Lucas Rijneveld (1991 als Mädchen geboren) ist gar so sensationell neuartig auch wieder nicht, bloß weil hier die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs aus der Täterperspektive erzählt wird. Genau das hat ja bekanntlich schon Vladimir Nabokov in seinem Meisterwerk „Lolita“ von 1955 getan.

Und auch die Grundkonstellation dieses Klassikers hat der junge Niederländer zum Vorbild genommen: ein Mann, der sexuelle Kontakte mit einem unmündigen Mädchen hatte, sitzt deshalb im Gefängnis und schreibt dort einen bekenntnishaften Bericht in Romanlänge über das Vorgefallene. Bei Rijneveld heißt der Täter Kurt und ist Tierarzt. Weil er regelmäßig den Viehbestand auf dem Hof ihres Vaters betreut, entwickelt er ein Verhältnis zur vierzehnjährigen Tochter des Landwirts, das bereits dadurch in seiner heiklen Natur kenntlich ist, dass der Viechdoktor das Mädchen eben als „mein kleines Prachttier“ tituliert. Aber auch die Jugendliche zeigt ihrerseits schon vorher gewisse Auffälligkeiten: nicht nur, dass sie mit ihrem weiblichen Geschlechtsteil unzufrieden ist, und lieber ein „kleines Hörnchen“ haben möchte, nein, sie lädt in ihrer Fantasie auch Hitler und Freud zum Tee ein, um mit den beiden eine Art philosophische Gespräche zu führen…

Die identisch gewandeten Schauspielerinnen in legeren Unisex-Alltagsklamotten stellen beide den Täter dar und sprechen abwechselnd seinen Text („Ich bin ein Monster“), der stellenweise durch poetische Genauigkeit überzeugt, aber immer wieder auch die Grenze zum Kitsch überschreitet. Was Absicht sein mag in einem Roman, der von Übergriffen, also Grenzüberschreitungen, erzählt. Eigentlich sollte dergleichen verstörend wirken. Dass genau das in der Aufführung nicht funktioniert, liegt wohl an der Scheu aller Beteiligten, sich wirklich auf jene waghalsige Gratwanderung einzulassen, bei der die Eindeutigkeit von Gut und Böse leicht unscharf wird. Das ist nur zu verständlich, aber dann sollte man besser gleich die Finger von dem Stoff lassen.ALEXANDER ALTMANN

Nächste Aufführung

am 20. Juni.

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